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3. Oktober 2008 5 03 /10 /Oktober /2008 17:43
Einer dieser Daten, die historische Bedeutung haben, wenn sie auch künstlich daher kommen. War ja Helmut Kohls Wunsch, zu diesem Datum die Einheit einzuläuten. Naja, 8 Jahre zuvor erst, nämlich am 01.10.1982 hatte er  Kanzler Schmidt nach einem kontruktiven Misstrauensvotum abgelöst.

Dabei wäre der 9. November viel passender gewesen, wenn es denn einen wichtigen Tag in der deutschen Geschichte gibt, dann ja wohl der 9. November...

Putzig, dass ausgerechnet der FDP-Mann Genscher, der 1982 nicht ganz unschuldig an der Kohl'schen "geistig-moralischen Wende" war, am 30.09.1989 durch seine wenigen Worte auf dem Balkon der Prager Botschaft ("Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...."Der Rest der Rede ging in befreiendem Freudengeschrei der Flüchtlinge unter) mehrere hundert Ostdeutsche, harrend und wartend auf ein Ende der Flucht aus der verhassten DDR beglückte - und zugleich  ein weiteres Mal Helmut Kohl unvergessen werden ließ, diesmal als "Kanzler der Einheit" - und nicht mehr als Kanzler der etwas unglücklichen "geistig-moralischen Wende"...

Weiß eigentlich noch wer, was am 03.10.1988 geschah? Da starb Franz Josef Strauß. Aber das ist ein anderes Kapitel...

Also, was habe ich am 03.10.1990 gemacht?
Ich war 23, fast 24 Jahre alt, trug einen Zopf bis zum A.... und befand mich gerade frisch im dritten Semester meines Jurastudiums. Ich zählte mich irgendwie undefiniert zum "linken" politischen Lager und weinte der DDR keine Träne nach, weil "links" für mich immer etwas mit Opposition, mit Anecken und Provokation zu tun hatte, die DDR aber Leute wie mich sicher überwacht und irgendwann hinter Schloss und Riegel gebracht hätte... Das Freudengeschrei der Prager Flüchtlinge am 30.09.1989 nach den Worten Genschers zur bevorstehenden Ausreise sagte alles - noch heute wird mir ganz mulmig zumute, wenn ich diese Situation in den alten Aufnahmen noch einmal höre.


Die DDR hatte leider nicht so etwas wie "68", was die furchtbare positive Verklärung der DDR erklärt. Die artet darin aus, dass es nicht wie bei uns in der Nachkriegszeit oft zu hören war "Es war nicht alles schlecht, damals..." (Bezogen auf Adolf-Nazi's Wohlfühl-Diktatur), man sagt sogar "Es war alles besser in der DDR, als jetzt....". Auch heute noch, 18 Jahre danach....

Ich verbrachte den Vorabend des 03.10.1990 im Klever "Radhaus", einer damals links-alternativ und kultig daher kommenden Jugenddisco mit Cafe und gelegentlichem Kulturprogramm, jedenfalls war das Publikum links-alternativ, mindestens aber unangepasst und punkig/rockig. Sie spielten dort "meine" Musik, das war wichtig, genügend Indie-Anhänger sich dort auch, Leute wie ich eben...

Hinter dem Tresen hing an diesem Abend eine DDR-Flagge mit Trauerflor. Na, wie gesagt, ich stand all dem etwas nüchtern gegenüber. Es war gut, dass dieser Staat DDR nun nicht mehr existierte, wollte mich aber ungern dem CDU-verordneten Hurra-Patriotismus anschließen. Kritik oder Zweifel am Widervereinigungsprozess waren für unseren Altkanzler Kohl ja damals untrügliche Beweise für "Vaterlandsverrat".

So what:.. Ich war seinerzeit durchaus auf Seiten des damaligen Kanzlerkandidaten Lafontaine (heute natürlich nicht mehr). Das Credo: Wiedervereinigung ja, aber nicht so zack-zack. Und damit war ich Vaterlandsverräter in den Augen strammer Kohl-Anhänger. Seufz. Ich konnte damit leben.

Um 0:00 Uhr jedenfalls hob ich mein Pils vom Tisch und sagte in die Runde "Hey, jetzt sind wir wiedervereinigt, prost". Der Rest des Tages verlief weitgehend unspektakulär.

Jahre später fand ich Gefallen am "Beitrittsgebiet", zB an Leipzig, Ostberlin, Dresden, Rostock, Wismar und Kühlungsborn.

M.Kupfer
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  • Ich bin als Rechtsanwalt tätig, habe Familie und stehe mitten im Leben, wie man so sagt. das bringt manch Chaos mit sich... aber zum Glück auch Zeit für diese Themen: Gesellschaft, Politik, Independent- und Rock,Geschichte, Kultur, Sport, "grüne"
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