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15. April 2009 3 15 /04 /April /2009 21:04
Im WDR lief am Ostermontag den ganzen Tag über Musik aus den 90ern. Fast ein Grund, sich zu freuen, aber: Schade - die Musikredakteure legten ihren Schwerpunkt einseitig auf das übliche Format-Radio-Pop-Gedudel der damaligen Boygroups und Eurobeat-Bands, auf Musik aus der Stock, Aitken, Waterman-Fabrik - insgesamt  also auf den damals zu ertragenden und zu Recht in Vergessenheit geratenen Mainstream-Hintergrundsound. Ich habe das nicht den ganzen Tag verfolgt, aber Grunge, Indie und Alternative waren eindeutig unterrepräsentiert, das musste ich feststellen. Die harten Klänge waren ja schon sehr lange mein Steckenpferd.

Also doch - die 90er als Jahrzehnt der angepassten und verwöhnten "Generation Golf"?

Na, schon 1995 musste ich bei einer Jugendfreizeit, die ich als Teammitglied begleitet hatte, feststellen, dass Independent nicht umsonst so heißt, denn bei einem von uns erarbeiteten Musik-Quiz war den 15-20-jährigen Teilnehmern Nirvana leider überhaupt kein Begriff - dabei war Kurt Cobain gerade mal ein Jahr zuvor aus dem Leben geschieden.

Ich war 25 Jahre alt, als ich die Musik von Nirvana zum ersten Male hörte. Ich hatte an die Entwicklung der Rockmusik keine besonderen Erwartungen mehr, irgendwie schien alles festgefahren und kaum entwicklungsfähig. Im Sommer nervten zum Beispiel die Scorpions mit ihrem Pfeifsong "Wind Of Change". DAS war Rock a la 1991. Und der Parfümdunst der 80er war noch nicht ganz verzogen.

Dann aber - es war Weihnachten 1991, ich verbrachte die Feiertage mit meiner damaligen Freundin bei meinen Eltern - da flimmerte dieses Video in einer Musiksendung:



Ich war einigermaßen elektrisiert, ja fasziniert (dass ich sowas noch erleben durfte, ächz...)!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, bei dieser Band, die mich auch heute noch stark begeistert, 15 Jahre nach ihrer Auflösung, 15 Jahre nach dem Selbstmord des Frontmannes Kurt Cobain.

Da war dieser blonde langhaarige Sänger aus Seattle in einem zerschlissenem Ringel-Pullover, die Anarcho-Cheerleader, die beiden anderen Bandmitglieder mit Matte und Holzfällerhemden - Gitarre, Bass, Schlagzeug, Wahnsinnsstimme - das außer Rand und Band  geratende Schulkonzert in einer US-High-School-Turnhalle, der mittanzende Hausmeister am Besen - und ein Meilenstein der Musikgeschichte war perfekt. Der 80er-Parfümdunst war damit erledigt. Der Look der Grunge-Musiker war sodann bis heute stilbildend, alsbald sah man seinerzeit nicht nur an der Uni diverse am Knie zerfaserten Jeans, Holzfällerhemden, einfache Shirts und lange Haare.

"Smells like Teen Spirit" war der erste Song auf dem 1991 erschienen Album "Nevermind" - das Cover zierte ein von unten aufgenommenes nacktes Baby - ein Junge - das unter Wasser schwimmt und nach einem Geldschein am Angelhaken zu greifen scheint.

Nirvana wurden bereits 1987 von Kurt Cobain und Krist Novoselic gegründet, später kam noch der Schlagzeuger Dave Grohl hinzu. Nach einigen Schulprojekten erschien 1989 das erste Album unter der Flagge Nirvana mit dem Titel "Bleach".


Bahnbrechend war aber erst das Album "Nevermind".


Die Texte gestaltete Kurt Cobain offen, damit noch Raum für Interpretationen blieb. Zu Texten bei Rockmusik habe ich so meine ganz eigene Meinung: Ich finde Musik, von der allgemein gesagt wird "Die machen aber gute Texte" von vornherein verdächtig. Das sagt man zum Beispiel von Durchschnittsbands wie "PUR" oder "Rosenstolz". Die Musik ist dafür vollkommen langweilig. Und ob Texte gut sind oder nicht, liegt sowieso im Auge des Betrachters. Also - "gute Texte" waren für mich noch nie ein Kriterium für elektrisierende Rockmusik. Was nicht heißt, dass mir Texte egal sind. Nazi-Rock geht zum Beispiel gar nicht.

Weiter im Text hier:
Die Texte von Nirvana sind sehr kurz, oft wird eine Zeile immer wiederholt, wie zum Beispiel auf dem Album "Bleach".
Kurt Cobain schrieb viele Texte spontan im Studio oder auf dem Weg dorthin. Später stellte er sie spontan aus eigenen Gedichten zusammen. Für Kurt Cobain waren die Texte nicht wichtig, wie er einmal über das Album "Bleach" sagte.

Aber der Musikstil war es schließlich, der die Wände wackeln ließ: Wie allgemein im GRUNGE verbanden sich Elemente des Punk mit denen des Metal und Hard Rock.

Das sieht/hört man auch bei  diesem Song "In Bloom" sehr schön. das Video wurde mit alten Cinemascope-Kameras aus den 60er Jahren - original aus Hollywood - aufgenommen.

Beeinflusst waren die Bandmitglieder von den Melvins, Gang Of Four, Scratch Acid und Butthole Surfers. Später, Ende der 80er Jahre war die Seattler Rockszene interessiert an den großen Glam-Rockbands der 70er Jahre.
Auch das Album "Surfer Rosa" von den Pixies hatte starken Einfluss auf die stilistische Entwicklung von Nirvana. Kurt Cobain dazu: "Ich hörte auf Surfer Rosa Lieder, die ich geschrieben, aber aus Angst, sie jemandem vorzuspielen, wieder verworfen habe".


Das Auftreten der Band war schließlich ebenso legendär. Die Mischung aus Punk und Hard Rock und Metal ging einher mit ihrer ambivalenten Einstellung gegenüber der Musikindustrie. Einerseits strebte Cobain Starruhm an, er wollte Rockstar werden. Andererseits hasste er das kommerzielle Musik-Business.


Nirvana versuchte deshalb oft, den Antihelden zu spielen und mit den Konventionen zu brechen. Aber das zerstören des Equipments - an die britische Band The Who erinnernd - wurde oft bewusst in Szene gesetzt. Dies ließ die Band leider in ihrer späteren Phase 1993/94 inszeniert erscheinen. Dieser Zwiepalt verbunden mit einer tiefen Unzufriedenheit wird auch als Grund für den Suizid Cobains am 08.04.1994 bemüht.


Zum Erfolg ist zu sagen, dass Nirvana äußerst stilbildend für die alternative Musikszene waren - und nach wie vor sind. Die Band hat über 50 Mio Alben verkauft, Cobain war noch 2006 der bestverdienende Tote.

Das letzte Konzert in München im März 1994:




Zum Ende entscheide ich mich noch für einen MTV-Unplugged-Beitrag. 1992/93 war es unglaublich hip, Bands  ohne elektronische Verstärkung ihrer Instrumente vor kleinem Publikum in heimeliger Atmosphäre auftreten zu lassen, so auch Nirvana (gerne erinnere ich mich auch noch an Pearl Jam und The Cure).



M.Kupfer
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Kommentare

claudia 05/03/2009 20:05

Tolle zusammenfassung einer tollen Band.Die ich auch heut noch über alles liebe und immer noch soooo gern hör.
Schade das es zuende ist ,ich hät gern noch mehr von denen gehört :-)
Dir noch einen schönen Abend
Glg Claudia

M.Kupfer 05/03/2009 22:41


Hallo Claudia,
danke für deinen Kommentar zu meinem Nirvana-Beitrag! Diese Band darf man einfach nicht vergessen, ebensowenig wie auch Pearl Jam (zu denen ich auch noch kommen werde) und andere Grunge-Bands von
damals. Leider sind sie etwas in Vergessenheit geraten, habe ich den Eindruck, andereseits war Kurt Cobain noch 2006 der reichste Tote, wenn man die CD-Verkaufszahlen sieht. Nirvana landet - noch -
nicht auf dem Grabbeltisch der Rockgeschichte, soviel kann jetzt schon gesagt werden.

Einen guten Start in die Woche!

LG M.Kupfer


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