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16. Oktober 2009 5 16 /10 /Oktober /2009 16:55
Wie zu befürchten, wird der Koaltionsvertrag von CDU/CSU und FDP die Verlängerung der Laufzeit von AKW regeln, allerdings recht unklar und "wischi-waschi", man möchte sich offenbar nicht festlegen. Das könnte die Kraftwerksbetreiber erfreuen - ein Ende ist nicht absehbar - und die Gegner - vielleicht dauert es doch nicht so lange und die Sicherheitsauflagen sind vielleicht so streng, dass es sich nicht mehr lohnt. Im Ergebnis aber wirft dieser Punkt mehr Probleme auf, die Kernkraft als Brückentechnologie könnte zum Dauerbrenner werden.

Zu den Gründen gegen Kernkraft hatte ich in meinem Blog ja schon mehrfach berichtet, zuletzt hier.

In der TAZ-online ist heute ein Artikel zur "Mär von der Renaissance der Atomkraft" erschienen. Gerne wird ja behauptet, Atomkraft erlebe weltweit ein Comeback, nur Deutschland sei so verbohrt, "sichere AKW" einfach abzuschalten.

Die Thesen dieses Artikels sind:

- Die Zahl der Reaktoren ist weltweit seit 1989 lediglich von 423 auf 435 gestiegen. 2008 ging weltweit zum ersten Mal seit 1956 kein einziges neues Atomkraftwerk ans Netz. Zudem werden neun Meiler weniger betrieben als noch 2002, als der historische Höchststand von 444 AKWs erreicht wurde.;

-  Ihr Anteil an der Stromversorgung ist auf 14 Prozent zurückgegangen. Die Reaktoren werden in 31 der 192 UNO-Mitgliedsländer betrieben. Zwei Drittel der weltweiten Atomstromproduktion geschieht in nur sechs Ländern, in den Atomwaffenstaaten USA, Frankreich und Russland sowie in Japan, Südkorea und Deutschland.

- Der Welt-Statusreport Atomindustrie von 2009 zeigt, dass bei einer angenommenen Betriebszeit von vierzig Jahren bis zum Jahr 2015 insgesamt 95 Reaktoren und bis zum Jahr 2025 weitere 192 AKWs vom Netz gehen werden.

- Wenn alle derzeit im Bau befindlichen Anlagen den Betrieb aufnehmen, dann müssten bis 2015 noch 45 und bis 2025 insgesamt zusätzlich etwa 240 Reaktorblöcke mit einer Gesamtkapazität von über 200 000 Megawatt geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden. Da die »Leadtime« – die Zeit zwischen Bauplanung und kommerzieller Inbetriebnahme – für ein AKW mehr als zehn Jahre beträgt, kann die heute vorhandene Kraftwerksleistung kaum aufrechterhalten werden.

- In Westeuropa sind zwei AKWs im Bau, eines in Finnland und eines in Frankreich. Baubeginn des ersten Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) mit einer Leistung von 1 600 Megawatt war 2005 im finnischen Olkiluoto. Seitdem überschatten Kostenexplosionen und Zeitverzögerungen das Projekt. Mit der Inbetriebnahme ist frühestens 2012 zu rechnen. In Frankreich wird ein EPR in Flamanville gebaut. Baubeginn war 2007. Dieser Block sollte in 54 Monaten fertig sein. Aber auch hier ist eine Reihe von Problemen aufgetaucht. Die Kosten sind bereits um 20 Prozent gestiegen.

- Ein weltweiter Bauboom ist derzeit schon aufgrund mangelnder Fertigungskapazitäten und schwindender Fachkräfte ausgeschlossen. Nur ein einziges Unternehmen der Welt, die Japan Steel Works, ist in der Lage, die Großkomponenten für Reaktordruckbehälter von der Größe des EPR zu schmieden. Auch die Dampferzeuger der EPR-Bauprojekte kommen aus Japan. An dieser Situation wird sich kurz- und mittelfristig nicht viel ändern.

- Neue Atomanlagen müssten außerdem von neuem Personal betrieben werden. Industrie und Betreiber schaffen es kaum, auch nur die Altersabgänge zu ersetzen. Es fehlt eine ganze Generation von Ingenieuren, Atomphysikern und Strahlenschutzexperten.

- RWE hat angeboten, bei Laufzeitverlängerungen mehr in erneuerbare Energien zu investieren. Damit würde aber die Vorherrschaft der großen Kraftwerksblöcke verlängert und der Ausbau von dezentralen, umweltverträglicheren kleinen Kraftwerkseinheiten, die sich wesentlich besser mit erneuerbaren Energien kombinieren lassen, behindert.

- Das Gerede von der drohenden »Energielücke« wirkt vor diesem Hintergrund fast wie eine Kampagne für verlängerte Laufzeiten von Atomkraftwerken und kostenlose CO2-Zertifikate für Kohlekraftwerke. Aber nur ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie kann den Innovationsdruck auf die Energiewirtschaft aufrechterhalten. 

- Die langen Bauzeiten verursachen enorme Kosten , die kaum eine Bank finanziert. Es sei denn, der Staat steht für das Investitionsrisiko gerade.


SPON hat sich überdies in einem Artikel mit den verspielten Wachstumschancen bei Verlängerung der Laufzeiten von AKW geäußert.

Die Idee des Autors:

"Bewahrung der Schöpfung bei maximalen Profit - für die neue Regierung könnte der Umwelt- und Klimaschutz so identitätsstiftend werden wie einst für Rot-Grün. Sie müsste nur über ihren eigenen Schatten springen. Umwelttechnologien haben das Potential, in den kommenden Jahren zum Fundament der deutschen Wirtschaft zu werden. Für sie gibt es einen geradezu explosiv wachsenden Weltmarkt."

Aber:

"Die neue Koalition arbeitet an dieser einmaligen Chance bisher sträflich vorbei. In der Union gibt eine Fraktion der Ewiggestrigen den Ton an, der noch immer alles Grüne suspekt ist, und die FDP fremdelt nachhaltig mit dem Zukunftsthema."

Zum SPON-Artikel geht es hier.

M.Kupfer
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Kommentare

free sms 11/05/2009 20:09


hey klasse artikel.. :) Weiter so..

mfg alex


M.Kupfer 11/05/2009 20:49


Vielen Dank! Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, vor allem, wenn eine schwarz-gelbe Atomfarbenregierung die
guten Entscheidungen aus rot-grünen Zeiten zurück nimmt, obwohl mehr noch als damals aufgrund der zahlreichen Berichte über Störfälle in den ach so sicheren bundesdeutschen AKW jedem klar sein
müsste, dass hier eine brandgefährliche wenig zukunftstaugliche Technik weiter betrieben werden soll. Das ist nicht im Sinne des Wahlvolkes, sondern allein im Sinne der Betreiber. Ich recgne mit
einem Wiedererstarken der Anti-AKW-Bewegung. LG. M.Kupfer


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  • Ich bin als Rechtsanwalt tätig, habe Familie und stehe mitten im Leben, wie man so sagt. das bringt manch Chaos mit sich... aber zum Glück auch Zeit für diese Themen: Gesellschaft, Politik, Independent- und Rock,Geschichte, Kultur, Sport, "grüne"
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