Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
13. Januar 2010 3 13 /01 /Januar /2010 21:24
Im Januar 1980 gründete sich die Partei "Die Grünen". Als Grüner jenseits der 40 Anlass genug, einen ganz persönlichen  Rückblick zu verfassen.

Im Jahr 1980 war ich vor allem 13 Jahre alt, meine Kindheit endete, die Jugend begann. Politk war bis dahin geprägt von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel, dem singenden Bundespräsidenten, außerdem von Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl. Kohl hatte bei der Bundestagswahl 1976 mit seiner CDU eigentlich die Mehrheit der Stimmen geholt, aber mit der FDP gelang  Schmidt die Fortsetzung der sozial-liberalen Koalition (damals hieß das noch nicht rot-gelb, sondern eben sozial-liberal). Kanzlerkandidat der Union 1980 war Franz-Josef Strauß, CSU, in meiner Erinnerung (ich habe ihn damals live erlebt) ein dicker, wortgewaltiger Bayer, der die Nation spaltete und meiner Meinung nach besser nicht Kanzler werden sollte.  Seit ich denken konnte, regierte die SPD im Bund  und in meinem Heimatland NRW. Unser Städtchen am Niederrhein war und ist nach wie vor tief katholisch und schwarz.

Dennoch: In unmittelbarer Nachbarschaft unseres Städtchens befand sich ein weiteres kleines schwarzes Städtchen namens Kalkar am Niederrhein, dort wurde seinerzeit der "Schnelle Brüter" errichtet - eine neue Form eines Atomreaktors, der die brave schwarze Bauernschaft in der Umgebung auf die Barrikaden trieb - und letztlich (aber das wagten nur wenige zu träumen) nie ans Netz ging. Heute ist der Brüter, bzw. was von diesem blieb,  das "Kernwasser-Wunderland", ein von einem Niederländer betriebener Vergnügungspark.

Ende der 70er war die Welt grau, auch wenn die Tapeten und Möbel in den Wohnungen sehr bunt daher kamen. Der RAF-Schock des "deutschen Herbstes" 1977 saß noch tief und war irgendwie nicht wirklich ausgestanden. Die Zahl der  Arbeitslosen hatte bereits 1975 die erste Million geknackt, der Nato-Doppelbeschluss, von dem damaligen Kanzler Helmut Schmidt  durchgesetzt, erregte die Friedensbewegten. Die Symbole der baldigen Grünen-Gründer waren die Friedenstaube auf blauem Grund und die rot-gelbe Atomsonne mit dem Slogan "Atomkraft - nein danke!"

Die Luft war schlecht, die Stadte zugebaut mit Beton und Stein, die Qualität der Gewässer ließ sehr zu wünschen übrig. Die Autos schluckten 1980 mehrheitlich locker über 15 Liter auf 100 km. Junge Leute begaben sich seit den 70er Jahren fluchtartig aufs Land, um dort in alten Bauerrnhäusern wie ihre Urgroßeltern einfach und möglichst gesund mit eigens gezogenem Gemüse und Obst zu leben (ein sehr schöner und humorvoller Eindruck der Landkommunen bietet der Film "Am Tag, als Bobby Ewing starb".)

Ich besuchte regelmäßig ein evangelisches Jugendheim im typischen 60er/70er - Flair. Das "EFFA" in Kleve lag hinter einer Betonkirche und war genau so betonmäßig wie diese - aber innen gab es "Öko-Kultur vom Feinsten": Batiktücher schmückten die Räume, man nutzte  Naturholztische bzw. Regale/Schränke und alte ausrangierte Polstermöbel. Die Jugendlichen, die dort "OT" machten (Offene Tür), oder Kindergruppen leiteten, waren fröhliche "Ökos" mit Nickelbrille, langen Haaren und Latzhosen und sie konnten Gitarre spielen. Man hörte oft die "Bots" mit "Sieben Tage lang".

Oder BAP aus Köln.

So, jetzt habe ich ja sehr schön klischeevoll die damalige Ökoszene beschrieben. Das war das äußere Drumherum, das meine damalige frühe Jugend geprägt hat. Zuhause war es dagegen nicht ökomäßig, sondern ganz "normal"...

Aber die Themen waren entscheidend. Im EFFA gab es eine "Dritte-Welt-Gruppe".
Hier konnte man nicht nur Kaffee, Tee, Wein und Honig und anderes aus Südamerika oder Afrika erwerben, die Dritte Welt-Gruppe ermöglichte mit ihren Informationen, Flyern und anderem einen anderen Blick auf unsere Konsumwelt. Die Globalisierung war also in gewissem Rahmen schon damals Thema.

Außerdem interessierte mich brennend alles, was mit "68" zu tun hatte.

Mitte der 80er nahm ich die Unterstützung des EFFA beim Verfassen meines  Kriegsdienstverweigerungsantrags in Anspruch. Besonders spannend fand ich die Verbindung zwischen Kirche und politischem "Diskurs", wie sie seinerzeit auch bei den evangelischen Kirchentagen zutage trat. Besonders aktuell war seinerzeit die Befreiungstheologie in Lateinamerika. Als Evangele muss(te) ich den ablehnenden Worten des Pontifex in Rom zur Befreiungstheologie keine Aufmerksamkeit schenken.

A propos Kirche und so: Als damals - nach einer konservativen, braven Phase - meine alternative Metamorphose begann, änderte sich auch meine Kirchentradition zu Weihnachten: Weg vom Familiengottesdienst, hin zur Mitternachtsmette, die erst gegen 23 Uhr startete. Diese Mitternachtsmetten hatten keinen Event-Charakter, sie waren aber einfach anders als die klassischen Gottesdienste, und das gefiel mir: Ruhiger, zum Nachdenken animierend, eine dunkle (aber keine düstere) Atmosphäre, Treffen Gleichgesinnter und Freunde beim anschließenden Agapemahl. Politik, Kultur und eine bestimmte Glaubenspraxis gehörten für mich damals zwingend zusammen. Das Spirituelle und Wundersame stand dabei nicht im Vordergrund, es war ach meiner Sicht eher säkulär, wenn man anhand der Bergpredigt und der Friedensbotschaften Jesu nach Lösungen für die Probleme der Welt suchte, insbesondere in Fragen der Friedenspolitik. Die Besuche der evangelischen Kirchentage 1987 in Frankfurt, 1989 in Berlin (West) und 1991 im Ruhrgebiet habe ich noch in sehr guter Erinnerung.

Das war meine persönliche grüne Weichenstellung in den 80er Jahren. Mittlerweile regierte die CDU mit Kanzler Kohl, die SPD war bis auf weiteres auf Bundesebene abgemeldet, die Grünen zogen mehr und mehr in die Kommunal- und Landesparlamente und regierten dort in der Regel mit der SPD. Joschka Fischer wurde 1985 der erste Umweltminister in Hessen in einer rot-grünen Koalition. Die Grünen saßen seit März 1983 mit im Bundestag. Augerechnet die Regierung Kohl sollte 1986 ein Umweltministerium einführen. Das Ressort Umwelt war bis dahin dem Innenministerium zugeordnet. Der damalige Innenminister Zimmermann, CSU, führte als zuständiger Fachminister 1984 den Katalysator ein, als Maßname gegen das Waldsterben in den 80er Jahren.

Grüne Themen gab es immer genug: In den 80er Jahren reichte dies von der Friedenspolitik über das Waldsterben bis schließlich zu Wackerdorf und dem Super-GAU von Tschernobyl 1986, desgleichen Fragen des Datenschutzes (man denke an die Volkszählung 1987) und  des Umgangs mit der deutschen Geschichte.

Die Bundestagswahl 1990 aber "überlebten" die Grünen nicht, da sie die Fünfprozenthürde verfehlten. Die Wiedervereinigung verlangte letztlich nach einem anderen Konzept, einem anderen Programm. In der alten DDR waren die Grünen nie beheimatet, wohl aber die Bürgerrechtsbewegungen wie Bündnis 90. 1993 kam es deshalb zu einem Zusammenschluss zwischen den Grünen und Bündnis 90.

In den 90er Jahren studierte ich Jura und traf dort auf H.C., einen aktiven Grünen, wir wurden Freunde, und letztlich habe ich meine weitere grüne Prägung ihm zu verdanken. 1992 trat ich der Grünen Verkehrs-AG bei (wir organisierten Veranstaltungen bzw. Demos mit und ohne Rad), 1993 gründeten wir mit vielen anderen die Grüne Hochschulgruppe an der Uni BI. Die Kämpfe in den Ausschüssen gegen RCDS und LSI, die neidvollen Blicke der Jusos und anderer linker Gruppen auf die grünen Wahlergebnisse damals bleiben unvergessen. Weiterhin prägend für die 90er Jahre und grüne Politik waren die rechtsextremen Progrome in Hoyerswerda und Rostock/Lichtenhagen sowie die Brandanschläge mit tödlichem Ausgang in Mölln und Solingen sowie an anderen Orten. Überhaupt wuchs nach 1990 zusammen, was zusammen gehörte - so auch die Rechtsextremen in Ost und West. Castoren rollten durch Deutschland, die Kohl-Regierung war in ihrer letzten Legislaturperiode von 1994 bis 1998 scheintot, es herrschte Reformstau.

Die 90er waren für die Grünen auf Bundes- und Landeseben deshalb eine erfolgreiche Zeit, eine Phase, die schließlich mit der Bundestagswahl 1998 einen Höhepunkt erreichte. Der innerparteiliche Kampf zwischen "Realos" und "Fundis" endete ausdrücklich zugunsten der "Realsos", sicher dank Joschka Fischer.

Wie das so ist mit Regierungswechseln sieht man jetzt bei der Merkel-Westerwelle-Regierung. Größer war das Chaos vor elf Jahren bei der Regierung Schröder-Fischer in den ersten Monaten auch nicht. Eines ist dabei entscheidend, wie schon Franz Walter vor einiger Zeit reüssierte:  Mit dem ersehnten Regierungswechsel beginnt kein neues Kapitel, vielmehr endet gleichzeitig eine politische Entwicklung. Das Wahlergebnis 1998 war also in Wirklichkeit Ende des rot-grünen Projekts, das Wahlergebnis 2009 ist deshalb - analog - Ende des schwarz-gelben Projekts und Beginn einer gegenläufigen Entwicklung.

Leider war auch "meine Regierung" mit den Ministern Fischer, Trittin und Künast davor nicht gefeit. Einen Tiefpunkt stellte indes der Kosovo-Beschluss 1999 in Bielefeld dar - ein Schlag ins Gesicht aller "alten" Friedensbewegten.
Ein Höhepunkt ist allerdings der Atomausstieg aus dem Jahr 2001 - dessen Schicksal jetzt durch Merkel-Westerwelle besiegelt zu sein scheint. Etwas belächeln muss ich  die Gender-Mainstream-Bemühungen, die zu einer kompromisslosen Gleichstellung von Mann und Frau führen sollen - unter Missachtung der naturgegebenen Unterschiede. Im Extremfall kann dies dazu führen, alles Männliche zu verdrängen, wie mancher Befürworter einräumt (Ziel ist nicht "der andere Junge", sondern gar kein Junge.... brrrrr, bloß nicht, wir brauchen starke Jungs!).

Seit 2004 mische ich nach einer längeren Pause wieder mit, in unserem OV, aber mehr im Hintergrund. Mir sind politische Themen wichtiger als Parteiarbeit als solche.

Die Grünen haben vielleicht keine umwerfenden Gesetze entwickelt, sie haben aber in den letzten 30 Jahren die Gesellschaft entscheidend verändert: Selbst ein Großteil der CDU-Anhänger betrachtet Klimaschutz als wesentliche Aufgabe der nächsten Jahre, ebenfalls ist die Gleichberechtigung, das Ende der Hausfrauenehe Realität - auch, wenn noch einiges zu tun ist. Die CDU ist gerade dabei, nach neuen Wählern zu fischen, so etwa ehemalige Grüne oder SPD'ler zu gewinnen.

 Bundeswehreinsätze im Ausland mit Kampfhandlungen sind seit Kosovo normal - ausgerechnet SPD und B90/Grüne haben dies seinerzeit ermöglicht. Sind deshalb nun die Wurzeln der Friedensbwegung gekappt? Die Grünen müssen nach Alternativen zu Militäreinsätzen suchen. Integration bleibt überdies ein wichtiges Betätigungsfeld.

Entscheidend neu ist ein neues Wirtschaftsverständnis: Ökonomie und Ökologie schließen sich nicht zwingend aus. Nachhaltigkeit ist zum Stichwort der Nullerjahre geworden.

Grund zum Ausruhen gibt es nicht, die Grünen sind "im besten Alter". Die SPD ist die uralte Tante, die CDU geht mit ihren 60 Jahren auf die Rente zu, die FDP auch. Und die Linke ist noch in der "Pubertät".

Weitere Artikel findet ihr hier:
Franz Walter
Interview Ströbele und Kindler

M.Kupfer
Diesen Post teilen
Repost0

Kommentare

Annika 02/20/2010 23:58


Was schon 30? kaum zu glauben... Naja, dein Artikel zeigt von der Länge her, dass die Partei schon einige Schlagzeilen gemacht hat. Es bleibt abzuwarten, wie sie sich in Zukunft positionieren.


M.Kupfer 02/21/2010 16:24


Ja, allerdings. Seitdem der Westerwelle so krakeelt und ätzt, sehnen sich manche in der CDU wohl nach einem unaufgeregten und verlässlichen schwarz-grünen Arbeitsbündnis. Ob das die grüne Basis
mitmacht, wird man sehen... Eigentlich wäre rot-grün wünschenswert (auch von mir), aber da die SPD schwächelt und sich kaum erholt, muss man eben sehen... Nicht so gut wäre ein Dreierbündnis, ganz
egal ob mit der Linken oder Jamaila. Wichtig ist, dass grüne Inhalte umgesetzt werden.

LG M.Kupfer


Veronika Schaffer 02/01/2010 15:01


Krass, hätte gedacht, dass es die schon ein bisschen länger gibt. Sie sind jedenfalls in mancherlei Hinsicht echt eine tolle Partei.


M.Kupfer 02/01/2010 18:53


Jo, die Wurzeln der Partei reichen sicher weiter in die 70er zurück (Bürgerinitiativen, Landkommunen...). Es bleibt spannend ....

M.Kupfer


Über Diesen Blog

  • : Der-seit-1966-dabei-Blog
  • : Gesellschaftliche Themen, Rockmusik, Independent, Crossover, Freunde, Spiele, Familie, 68er, Recht, grüne Politik, Wahnsinn des Alltags
  • Kontakt

Profil

  • M.Kupfer
  • Ich bin als Rechtsanwalt tätig, habe Familie und stehe mitten im Leben, wie man so sagt. das bringt manch Chaos mit sich... aber zum Glück auch Zeit für diese Themen: Gesellschaft, Politik, Independent- und Rock,Geschichte, Kultur, Sport, "grüne"
  • Ich bin als Rechtsanwalt tätig, habe Familie und stehe mitten im Leben, wie man so sagt. das bringt manch Chaos mit sich... aber zum Glück auch Zeit für diese Themen: Gesellschaft, Politik, Independent- und Rock,Geschichte, Kultur, Sport, "grüne"

Suchen

CD's und LP's

Archiv