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28. November 2013 4 28 /11 /November /2013 20:46

28.11.2003: Ich verlasse Hamburg. Zehn Jahre ist das heute her. Ein Mietwagen voller Sachen aus der Zweitwohnung, Trauer über den Verlust der Zweitheimat, Angst vor der Zukunft.....

 

Ich hatte von Frühling 2000 bis November 2003 in Hamburg gearbeitet und gelebt, hatte Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen, manches erlebt und gesehen. Und ich bin an den Wochenenden nach Hause gependelt.

 

Ende November 2003 endete meine Tätigkeit dort, ich brach alle Zelte ab und kam "nach Hause", nahe Bielefeld. Bewerbungsbemühungen seit 2001/02 blieben auf Teufel komm raus erfolglos.....

 

Warum ich das erzähle? Damals war das eine Zäsur in meinem Leben. Wie es beruflich weiter gehen sollte, war völlig unklar. Eines war nur klar, ich würde erst einmal etwas Zeit haben, um meine Familie wieder an mich zu gewöhnen. Unser Sohn war seinerzeit gerade 2,5 Jahre alt und fremdelte etwas mit mir. Unsere Tochter sollte erst gute 2 Monate später zur Welt kommen.

 

Das war auch das Beste 2003/04. Aber beruflich fühlte ich mich aufs Abstellgleis geschubst. Ich war Mitte 30, Akademiker - Jurist - und hatte in Hamburg Tätigkeiten verrichtet, die für meinen Beruf eher untypisch waren. Projektarbeit zum Beispiel. Und ich habe Fragen der Planung und Steuerung in der öffentlichen Verwaltung behandelt. Controlling. Leitbilder. Schon spannende Arbeitsfelder, die Lust auf mehr machten. Aber diese Themen waren auf dem Markt für Juristen offenbar nicht gefragt.

 

Mein Kopf war dennoch voller Ideen. Was geht? Unternehmenssteuerung und Juristeri kombinieren? Synergien nutzen? Mit wem? Wer sind die hier alle überhaupt? Ich fand es vor allem "unfair", dass ich mit meinem Blick "über den Tellerrand" und den Pendelmühen, die ich jahrelang auf mich genommen hatte, auf dem Markt nicht wirklich gefragt war. Ich hatte doch nun wahrlich mehr zu bieten, als andere in meinem Beruf....

 

Mal ganz unabhängig davon, ob meine Einschätzung zutreffend war, oder nicht - ich befand mich erst einmal im Haifischbecken des Beratermarkts. Zunächst leitete ich alles Notwendige ein, um eine Anwaltszulassung zu erlangen.


Dann entstanden Kontakte zu völlig wildfremden Menschen - Berater, die ich überhaupt nicht einschätzen konnte. IT-ler? BWLer? Medienleute? Versicherungsmenschen? Einen Verein, der sich die Unterstützung des Mittelstandes in der Region auf die Fahnen geschrieben hatte, besuchte ich öfters.

 

Und dann war da die Kanzlei eines mittlerweile leider verstorbenen Freundes und Ex-Kommilitonen, der mir seinen Kanzleisitz als Adresse für die Zulassung bot.

 

Gleichwohl, bei allen interessanten Kontakten, bei allem, was etwas nach Neuanfang aussah - alles war ungewiss, unklar, unberechenbar. Für mich völlig ungewohnt.

 

Eine Sache, die mich lange Zeit unterschwellig belastete seinerzeit, war die mehr oder weniger deutlich getroffene Aussage: Mit DEM, was DU zu bieten hast, können wir gar nichts anfangen. DU fängst am besten noch einmal von vorne an! Controlling und Juristerei? Das will doch keiner! Und überhaupt -  juristisch hast du ja noch gar nicht richtig gearbeitet......

 

Merkwürdige Projekte wurden mir deshalb angetragen - Dinge, die nicht nur nichts mit mir zu tun hatten, sondern darüber hinaus auch noch darauf hinaus liefen, dass man sich mehrfach traf, redete, redete und redete - und dann unverrichteter Dinge wieder auseinander ging.Die Projekte wurden ergebnislos zerredet.......das schien normal zu sein.


So lief es ein Weilchen im Jahr 2004 - bis ich im Spätfrühling beschloss, die Finger von der Freelancer-Bauchladen-Berater-"Karriere" zu lassen und mich wieder intensiv auf juristische Stellen zu bewerben.

 

Die Geschichte endete gut - nach einem Jahr "in der Luft" war ich wieder in Lohn und Brot, und das bin ich heute ohne Unterbrechung immer noch. Es war das erste Jahr der Agenda 2010, ich bin Hartz4 und den ganzen anderen Schreckgespenstern noch gerade von der Schippe gesprungen.

 

Bereichernd war die Zeit auch für meine politische Prägung: Ich hatte Kapazitäten frei und hängte mich für die Grünen in den Kommunalwahlkampf 2004. Beinahe wäre ich noch beim sozialen Bündnis in der Region gelandet - eine Antwort auf die Schröderagendapolitik. Aber die waren sehr gewerkschaftslastig....bei allem Respekt vor den Gewerkschaften stellte ich fest, dass das nicht meine Welt war.

 

Bei allem beruflichen Verdruss: Ich habe außerdem wieder den lange nicht vorhandenen Familienanschluss gefunden: Mit meinem Sohn ging ich zum Schwimmen, zum Kinderturnen, zu Sportfesten auf Spielplätze, wir spielten, ich las ihm vor, wir guckten lustige Kinderfime. Unsere Tochter wurde geboren und ich konnte auch für sie da sein - und natürlich für meine Frau, was gerade in den Wochen nach der Geburt für alle gut war. Ganz nebenbei gewöhnte ich mich langsam und stetig an meine neue Anwaltsexistenz. Eine besondere Art der Wiedereingliederung......

 

Und Hamburg? Die Stadt habe ich aus beruflichen Gründen nachher immer wieder besucht und es wird auch 2014 so sein, 2015 und ich weiß nicht wie oft.....

 

M.Kupfer

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  • Ich bin als Rechtsanwalt tätig, habe Familie und stehe mitten im Leben, wie man so sagt. das bringt manch Chaos mit sich... aber zum Glück auch Zeit für diese Themen: Gesellschaft, Politik, Independent- und Rock,Geschichte, Kultur, Sport, "grüne"
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