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14. Mai 2008 3 14 /05 /Mai /2008 09:03
Nachträglich zum "neuen" SDS 2008, auf die Beine gestelt von der Partei die LINKE muss ich noch einen LINK (sic! ;-)) zum verfassungsmäßigen Zustand der Partei loswerden. Ich hatte es schon angedeutet: Die WASG - von Schröders Agenda 2010 frustrierte SPD'ler mit eigener Partei im Jahr 2005 angetreten - wurde durch die Fusion mit der alten PDS "geschluckt", auf das die PDS als Nachfolgepartei der SED auch auch im Westen Wählerpotential finde.

Die LINKE, so stellte nun der Verfassungsschutz fest, werde von Extremisten unterwandert, so von der Kommunistischen Plattform um Frau Wagenknecht.

Noch einmal ein Bezug zum SDS: Der alte SDS von "68" hatte mit der SED soviel zu tun, wie ein Traktor mit einem Ferrarirennen. Also gar nichts. Die Studentenbewegung von 68 war nicht nur links, sie war vor allem auch liberal. DAS ist aber mit der KPF der LINKEN so ziemlich gar nicht vereinbar. Die K-Gruppen der 70er bildeten nur eine radikale, sehr dogmatische Randerscheinung nach 68. Der SDS von 68 war der alten SED auch eher unheimlich. Immerhin wurde sie von Rudi Dutschke geführt, einem Linken, der der "linken" DDR ostentativ den Rücken gekehrt hatte und auch sonst seine Schwierigkeiten mit dem SED-Regime hatte. Sein Traum vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ließ sich in der DDR nur schwer bis gar nicht umsetzen. Rudi Dutschke wäre in der DDR auch von der Stasi beobachtet und als Dissident entweder verhaftet oder wie Biermann bzw. Nina Hagen seinerzeit zwangsausgewiesen worden.

Einzig der SDS in Köln - ausgerechnet im tiefsten Westen - konnte "gut" mit der SED. Aber die bildeten eine Minderheit.

Zum Artikel:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,553114,00.html

M.Kupfer



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5. Mai 2008 1 05 /05 /Mai /2008 15:14
Anbei ein lesenswerter Artikel zum Verständnis der Partei die LINKE zu 68 pp:

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,551477,00.html


"Der Sozialismus ist gar nicht tot. Er nimmt nur einen neuen Anlauf. So sehen es die meisten der 1600 Studenten, Schüler, Wissenschaftler und Gewerkschafter, die am Wochenende aus der ganzen Republik in die Hauptstadt kamen. Der SDS als Hochschulverband der Linkspartei hatte zu einer 68er-Nachlese an die Berliner Humboldt-Uni geladen. Über dem Hauptportal der Universität prangte in Lila ein Stofftransparent mit der Aufschrift: "Sozialismus - und zwar Flatrate.""

M.E. ist zum einen zu hinterfragen, ob "DIE LINKE" auch nur irgend etwas mit dem politischen Erbe von "68" zu tun havben soll. Wir erinnern uns: Die LINKE ist entstanden nach einer Fusion der Partei PDS (rechtlich die Nachfolgepartei der SED) und der Partei der SPD-Frustrierten, der 2004/05 gegründeten WASG. Der Anteil der PDS, personell und ideologisch, dürfte den Anteil der WASG erheblich überschreiten.

Die PDS und "68"?Die PDS als SED-Nachfolgepartei ist zunächst in erster Linie Ostdeutschland-geprägt. Erst durch die Fusion mit der WASG zur LINKE erhält die alte PDS doch erst Zugang zu den westlichen Parlamenten. Das haben Gysi und Co immer wieder betont.

Die PDS-Altvorderen hätten sich 1968 ganz schön gewundert, wenn es in Ostdeutschland eine ähnliche Freiheitsbewegung mit dem wesentlichen Element "Auflehnung" gegeben hätte. Übersehen wrd hier, dass die APO nicht nur links, sondern vor allem auch liberal bestimmt war, weil es darum ging, sich "gegen das Establishment", gegen alles Hergebrachte aufzulehnen.

Außerdem:  Warum mit einer Politik für morgen am lange vergangenen Gestern anknüpfen? das Faszinosum, das 68 umgibt, ist nachvollziehbar, zumindest für mich. Dank an die damaligen Akteure!

Aber: All dies ist Geschichte, schon lange.

M.Kupfer

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5. Mai 2008 1 05 /05 /Mai /2008 10:16

zu o.g. Thema hier ein lesenswerter Link aus Spiegel-Online, "Eines-Tages":

http://einestages.spiegel.de/external/ShowAuthorAlbumBackground/a1859/l28/l0/F.html#featuredEntry

Frage Nr.1: Betrachtet man die damalige Poltik der "Bürgerlichen" um Charles de Gaulle - lassen sich Parallelen zu heute ziehen?

Ein Auszug aus dem Beitrag  zur damaligen Bildungsmisere:

"Auch an den Hochschulen rumort es. Die Universitäten befinden sich in einem hoffnungslosen Zustand. Selbst bei den Naturwissenschaftlern wird nach Methoden aus dem 19. Jahrhundert gelehrt. Die Vorlesungen sind überfüllt, die Baby-Boomer drängen sich in den Hörsälen wie auf den Bänken einer Grundschule. Statt zu reformieren, geht der Staat auf Sparkurs; die Hürden zur Hochschule werden höher gelegt. Aufstieg über Bildung wird jetzt schwerer, während die Professoren auf ihren Elite-Status pochen."

 Frage Nr.2:  Wie betrachtet man heute, 40 Jahre danach die legendären Auseinandersetzungen? Immerhin - die Proteste liefen Richtung Revolution:

"Nach den Jahren der Zerwürfnisse schaut das Land 1968 nach innen, auf Ungleichheiten und gesellschaftliche Verwerfungen. Im Winter 1967 streiken die Textilarbeiter in Lyon; als die Rezeptgebühr erhöht werden soll, bricht in Le Mans offener Aufruhr aus, der brutal niedergeknüppelt wird, und während eines Tarifstreits in Caen bauen junge Metallarbeiter erstmals Barrikaden. Erst drei Jahre zuvor ist der blutige Algerienkrieg mit der Unabhängigkeit der französischen Kolonie beendet worden.

Und die Wurzeln des Mai 68 reichen noch weiter zurück: Nach Streiks in den Kohlegruben Nordfrankreichs 1963 hatte Präsident Charles de Gaulle die Region unter militärische Kuratel gestellt; die Kumpel hatten ihren Ausstand dennoch fortgesetzt. Im gleichen Jahr findet das Festival von "Salut les copains" statt, ein frühes französisches Woodstock, bei dem sich bei amerikanischer Musik rund 100.000 Jugendliche aus dem Bürgertum uns aus den Arbeitervorstädten verbrüdern. Damals wird auch die Messe in Latein abgeschafft und der Sozialist Francois Mitterrand fordert in seinem Wahlprogramm das Recht auf Verhütungsmittel."


M.Kupfer
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21. April 2008 1 21 /04 /April /2008 21:36
Im Sommer 2007 las ich im Urlaub das Werk von Bettina Röhl:"So macht Kommunismus Spaß!"

Das inkl. Anhang pp 677 Seiten starke Buch trägt den vielversprechenden Untertitel

 "Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret".

Wer ist nun Bettina Röhl? Bettina Röhl ist eine der Zwillingstöchter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl.
Sie schildert zum einen die Geschichte ihrer Eltern, zunächst für beide einzeln, später die gemeinsame Geschichte, dann die getrennten Wege ab 1968.

Sie schildert die Geschichte der Linken im Nachkriegsdeutschland, die der Zeitschrift "Konkret" - die, wie die Ostermärsche gegen die Aufrüstung in den 50er und 60er Jahren, erwiesenermaßen von der DDR unterstützt und finanziert wurde. Und sie schildert ihre eigene Geschichte - und dass sie aus ihrer eigenen Familiengeschichte eine tiefe Abneigung gegen das Phänomen "68" herleitet.

Die ersten 2/3 des Buches sind hervorragend geschrieben. Das Werk glänzt in dem Teil durch präzise Recherchen in Unterlagen, durch Interviews mit Zeitzeugen und nicht zuletzt durch die eigenen Erinnerungen der Autorin. Die Geschichte von Konkret ist packend, sie wirft ein fragwürdiges Bild auf das Oppositionsblatt von links - die DDR hatte in der tat die Arbeit unterstützt. Die Geschichte von Ulrike Meinhof und Klaus-Rainer Röhl lässt von Beginn an erahnen, dass dies eine eher schwierige Beziehung werden würde. Lebendig ist die Schilderung, wie Rudi Dutschke auf die Zwillinge im Kindesalter wirkte - sie mochten ihn.

Dann, im letzten Drittel - etwa ab "Die Morgendämmerung von 68" erfährt das Buch leider einen Bruch. Die Autorin verlässt mehr und mehr die präzise Recherche, die treffende und um Objektivität bemühte Darstellung - und driftet ab in eine Melange persönlicher - posthumer! - Abrechnung mit ihrer Mutter Ulrike Meinhof, indem sie alles, was sie nach dem Verlassen der Familie just am Neujahrstag 1968 geschrieben/geschaffen hat, in Grund und Boden niederschreibt. Ein Highlight mag in dem Teil noch die - nachvollziehbare und zutreffende - Interpretation des Textes über den Kindermörder Bartsch sein, das war es aber auch.

Sie fährt dann mit einer keineswegs mehr um Objektivität bemühten Hasstrirade gegen die Aktivisten und Protagonisten von "68" und ihre Erben im Geiste fort - das erinnert schon sehr stark an das "68er-Bashing" des Jünglings Floian Illies in "Generation Golf". Sie wird oberflächlich - und widersprüchlich. Hatte sie gerade erst geschildert, dass sie Rudi Dutschke als Kind mochte, so werden seine Reden, sein Wirken nun gnadenlos zerfetzt. Warum verlässt sie an der Stelle den Pfad erstklassiger Recherchearbeit? Möglicherweise hätte dies den Rahmen gesprengt?

Nun - betreibt Bettina Röhl eine Art Jugendaufbereitung und stürzt sich deshalb auf die "68er", weil ihre Mutter Ulrike Meinhof sich dort vor ihrem Kampf im Untergrund dort hingezogen fühlte? Man könnte dies meinen. Bettina Röhl war schon vor 20 Jahren, also 1988 eine der ersten, die sich in der damals gerade frisch auf dem Markt erscheinenden Zeitgesitpostille "Tempo" - zusammen uA mit Maxim Biller -  vernichtend  über "68" äußerte.

Es geht nicht darum, Kritik an den alten Revoluzzern zu unterbinden. Es geht vielmehr darum, wie wir darüber reden wollen. Ob wir uns tatsächlich um Objektivität und historische Wahrheit bemühen wollen - oder ein Feindbild aufbauen. Letzteres haben wir schon zu genüge. Schade - Bettina Röhl könnte mehr dazu beitragen, als typisches "68er-Bashing".

Insgesamt ist das Buch aber lesenswert, gerade wegen der ersten 2/3. Als 68er-Fan - wie ich - muss man danach ein wenig die Zähne zusammenbeißen. Die 68er-Hasser werden sich darin sicher wieder finden.

M.Kupfer
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8. April 2008 2 08 /04 /April /2008 17:01
Bei SPON findet sich derzeit ein Artikel über den damaligen Studentenführer und SDS-Vorsitzenden Rudi Dutschke:

http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a1754/l15/l0/F.html#featuredEntry

Ich teile die Einschätzung Langguths nicht,aber eines muss ich ihm hoch anrechnen: Die Auseinandersetzung mit 68, hier mit den Ideen  des - frühen - Rudi Dutschke, hat weniger mit nervigem  68er-Bashing a la Eva Herrman und anderer konservativer Laberköppe  zu tun, als vielmehr mit ernster historischer Auseinandersetzung. Auf dem Niveau sollte auch diskutiert werden, fundiert, distanziert, differenziert.

Eins dürfte auch feststehen: Hätte sich Dutschke als braver Akademiker verhalten, als "Netzwerker", und eben nicht als Revolutionär definiert, wäre kein Mythos entstanden. Gerade der Revolutionär, dessen Ideen um eine Stadtguerilla, die Vison um ein anderes System - demokratisch? sozialistisch? kommmunistisch? freier? - machen den Mythos aus, lassen ihnals spannenden Akteur jener Zeit erscheinen.

Dutschke war nicht brav, nicht bürgerlich, natürlich wollte er etwas anderes und dies mit Mitteln der Revolution erreichen. Dafür aber wurde er eben geliebt, verehrt und gehasst. Womöglich kann sich der CDU-Mann Langguth nicht vorstellen, dass jemand echt und ernthaft gegen das Establishment kämpft und nicht nur aus Spaß und jugendlichem Überschwang so tut, als sei er revolutionär. Dutschke war revolutionär. Die Springerpresse hetzte deshalb gegen ihn, stempelte ihn zum Volksfeind ab - schließlich trafen ihn wegen der Hetze der Springerpresse am 11.04.1968  drei Kugeln aus dem Revolver des Anstreichers Bachmann - dem er nachher sogar  verzieh, weil er als Arbeiter der Propaganda der Boulevard-Presse aufgesessen war.

Langguth hat überdies die spätere Entwicklung Dutschkes in den 70er Jahren verkürzt dargestellt bzw. nicht berücksichtigt. Dessen Haltung zur Gewalt änderte sich, nicht zuletzt aufgrund des RAF-Terrors, den er zutiefst verabscheute. Ich sehe ihn eher als Theoretiker, einer, der womöglich falsch verstanden wurde? Zum Beispiel von der RAF?

Einige Fehlerchen sind Herrn Langguth auch unterlaufen: Im Mai 1968 war Rudi Dutschke nicht in der Lage, irgend etwas zu schreiben oder vorzutragen, da er nach den Schüssen ins Gehirn voll im Rehabilitationsprozess stand und erst einmal neu schreiben und sprechen zu lernen hatte. Er lag im Krankenhaus, war schwer angeschlagen und brauchte schon hinreichend Zeit, die Namen  einiger Freunde zu notieren. Er schrieb Tagebuch, ja, aber politische Pamphlets??


Ergänzung am 11.04.2008: Anbei ein weiterer Beitrag unter eines-tages bei SPON:


http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1780/sturm_auf_springer.html - zu den Osterunruhen 1968.

M.Kupfer

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13. März 2008 4 13 /03 /März /2008 12:18
Jubiläum: 1968 - 2008 - 40 Jahre danach

Anbei ein Artikel, den ich vor einiger Zeit einmal bei XING als Thread-Aufhänger verfasst habe (und der noch weitere eigene Beiträge zu dem Thema enthält): 

Ich veröffentliche meine Diskussionsbeiträge als Essay. Anlass ist, dass mir diese unsäglichen"68er"-Basher, gerne Stockkonservative ungemein auf die Nerven geht. Das erfolgt nicht substantiiert und fundiert, sondern frei nach dem Motto " Nichts geht über ein gesundes Feindbild". Den geistigen Tiefflug dazu schlechthin brachte Eva Herman 2007, indem sie Nazies und 68ern gleichermaßenin die Schuhe schob, alles mögliche abgeschafft zu haben.

Ansatz meines Threads war die Feststellung, dass diese Zeit/Epoche und deren Protagonisten in den Medien entweder als sehr toll dargestellt wird, oder eben mit vernichtender Kritik. Dabei verschwimmen die Tatsachen, offenbar arbeitet jeder mit einem persönlichen Bild bzw. Eindruck.

Bald wird jeder linksgerichtete Demonstrant, der in der Zeit zwischen, sagen wir 1965 und 1985 politisch aktiv war, als 68er tituliert - völlig falsch, wie ich finde.

Und weil jeder meint, aufgrund seiner Erfahrungen mit Linken etwas dazu beisteuern zu können, folgen wir bald einem Herdentrieb, statt genauer vorzugehen. Es gibt ohne Ende Literatur und Beiträge dazu. Man muss nicht alles gelesen haben - die Verallgemeinerung, gepaart mit Geschichtsklitterung in den Medien etc nervt mich ein wenig, Deshalb habe ich eine Diskussion dazu überhaupt angestoßen.

Einige Fakten sind gerade zu rücken:

- Joschka Fischer war kein 68er, vielleicht wurde er geprägt von den Ideen, aber er war allenfalls Zaungast;
- K-Gruppen kamen erst richtig nach dem Zerfall des SDS, der APO ab 1969 auf. Vielleicht waren dort einige 68-er-Aktivisten, aber die K-Gruppen waren nicht zwingend 68er. Die ganze Revolte war viel zu bunt, zu heterogen, als dass man jetzt einen Strang, nämlich den extrem linken herausnehmen könnte.
- RAF: Die erste Generation mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader haben bei einzelnen Aktivitäten der APO und auch der Kommune I mitgewirkt. Bei der RAF waren 68er, aber die RAF war nicht zwingend "68", es waren die Radikalisierten. Die Mehrheit wird damals den Brandanschlag auf das Kaufhaus im Jahr 1968 verurteilt haben, da spätestens hat Andreas Baader zB etwaige Sympathien verspielt. Baader war auch eher ein Abenteurer, ein Outlaw, der die Kommune I lustig fand und dann aufgrund deren Happening-Getues seinen Weg in den Terrorismus gegangen ist,
- Lafontaine war SPD'Ler, damit aber nicht zugleich 68er.


APO, Kommune I und Co - die "68er", eine verhasste Generation?

40 Jahre ist es her: Große Koalition, APO, Studentenproteste, Kommune I, Rudi Dutschke, Vietnam-Kongress, Pudding-Attentat, Parolen wie "Enteignet Springer!" oder "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren" prägten Medienwelt und Meinung. Dazu kamen Beat, Sexuelle Revolution, Oswald Kolle, Hippies, Gammler, Mini, lange Haare bei Männern, kurze Haare bei Frauen. In den Charts waren Heintje, aber auch die Beatles und die Stones vertreten.

Und die Gesellschaft war geteilt. Einerseits schien alles möglich, andererseits wurden Langhaarige wüst beschimpft. Familien zerstritten sich, es bildeten sich WG's, Kommunen.

1969 regierte dann erstmals eine sozial-liberale Koalition, die APO und der SDS waren tot. Was kam dann?

In den 70ern erlebten wir die Nachwehen dieser Zeit - oder doch nicht?

Die 80er belächelten die Zeit und deren Aktivisten. Fraß die "Revolution" ihre Väter?

In den 90ern waren sie nicht nur belächelt, sondern sie wurden lästig, sie kamen an die Macht - oder wer bildete wirklich die rot-grünen Regierungen in den Ländern, später im Bund?

Und nu? Gehasst, zerrissen, zerredet, entlarvt, alt geworden. Oder doch RevolutionsheldInnen?

Wie beurteilen Sie jene Zeit, die Ideen des Umbruchs, die - angeblichen - Aktivisten, was gehörte zu "68", was nicht, was war gut, was war schlecht?

Zum Anlass des Threads

Es ging mir um das Bild, die Wahrnehmung a. dieser Epoche, b. der damaligen, mittlerweile gealterten Protagonisten und deren "geistige Nachfolger".

Spätestens seit den 80er Jahren - so mein Eindruck - (seit Beginn der geistig-moralischen Wende von Altkanzler Kohl?) begann ein 68er-Bashing. Interessanterweise verschwammen die historischen Wahrheiten, die Ideen mehr und mehr - "68" war also plötzlich erstmal alles, was sich nicht benehmen konnte, mit langen Haaren und Latzhosen unmöglich aussah, immer randaliert hat, auf Demos gegen alles war, keinen Respkt besaß etc..

Die Zeitgeist-Postille "Tempo" hatte seinerzeit, so um 1987/88 ziemlich systematisch dieses 68er-Bashing betrieben und sich, soweit ich mich erinnere, vor allem auch an Lebensstil- und Kleiderfragen abgearbeitet. 

Die Yuppies ließen grüßen!

Dies hat später Florian Illies in seiner "Generation Golf" aufgenommen, desgleichen der Mensch (Name ist mir entfallen), der "Faserland", ein Roman unter anderem über die Bedeutung von Barbour-Jacken verfasst hatte.

Waren Herr Schröder und Herr Fischer wirklich 68er? Oder Herr Trittin? Oder ist nicht einer der letzten 68er im Bundestag Herr Ströbele? Der Artikel in einer Spiegel-Ausgabe 2007  über die Kommune I ist sehr lesenswert.

Lesenswert ist auch die Biographie von Gretchen Dutschke über Rudi Dutschke "Wir hatten ein schönes, barbarisches Leben" aus dem Jahr 1996, desgleichen die 2003 erschienen Dutschke-Tagebücher (beides Kiepenheuer & Witsch). Sehr spannend ist zu lesen, wie einer der wichtigsten Aktivisten von damals argumentiert hat, auf welch hohem intellektuellem Niveau. 

DAS hatte mit der allgemein beklagten Verlotterung, die immer wieder ausschließlich den "68ern" angehängt wird, nichts zu tun. Wichtig auch der Wandel, die Dialektik der Geschichte. Rudi Dutschke hat bereits in den 70ern seinen Weggefährten aus der APO vorgeworfen, lediglich einer APO-Nostalgie anzuhängen, und sich nicht um die aktuellen Themen zu kümmern (zB Unterstützung von Bürgerinitiativen gegen AKW etc).

Wie gesagt: An einer differenzierten Betrachtungsweise ist mir sehr gelegen, vielleicht, um diesen Mythos - der mehr und mehr wächst, je länger das alles her ist - mit Wahrheiten, Tatsachen zu untermauern oder ggf zu entzaubern? 

Treffend ist der Kommentar von Christian Staas in der "Zeit " vom 17.05.2007. Er stellt zutreffend dar, dass die neuen Konservativen die 68er - Revolte bewusst "groß reden", als kulturelle Katastrophe, als Ursache für die problematischen Aspekte der Moderniserung  darstellen, um ihre eigenen bestürzend schlichten Lösungen - mehr Wettbewerb, weniger soziale Leistungen, Freiheit statt Gleichheit - als Alternative entgegenzusetzen. Es lebe das gesunde Feindbild der Wertkonservativen und Wirtschaftsliberalen!

zum Beitrag:
http://www.zeit.de/2007/21/68-9


68er als Familenfeinde?


Eines der durch nichts belegten Statments lautet, die "68er" hättendie Familie als Institution zerstört.

Das ist falsch, sie wurde lediglich neu definiert.

Rudi Dutschke war verheiratet und Vater von 3 Kindern (Die Geburt seines Jüngsten Rudi Marek 1980 hat er leider nicht mehr erlebt, er starb am Heiligabend 1979 an den Spätfolgen des Attentats vom 11.04.1968). Er lebte mit seiner Familie am Ende in einer Hausgemeinschaft in Ahus, DK.. Gegen die Familie hat er nicht argumentiert.

Andere Kommune- und WG-begeisterte Leutchen haben sich für Kinder entschieden. Dort ist Familie, vor allem das Vorhandensein von Kindern keine Seltenheit. Unterschiede zur Familie alten Schlages fanden sich vor allem bei der veränderten Rollenverteilung. bzw. bei den Alleinerziehenden bzw. den "wilden Ehen" mit Kind(ern). Die Pille gab es vor 1968, bei der Parole der Feministinnen "Mein Bauch gehört mir!" ging es weniger um die Zerstörung von Familien als vielmehr um die Selbstbestimmung der Frauen (die übrigens in den Kommunen I und II sowie in der APO erst einmal gar nicht thematisiert wurde!)

Wo es nun an Kindern mangelt: Nicht im typisch grünen Milieu, vielmehr bei den Aufsteigern, den Yuppies, den aus welchen Gründen auch immer ewigen Singles. Hat dies nun irgend etwas mit 68 zu tun?

Historischer Kontext

Man muss die damaligen Utopien, die Revolutionsideen - Rudi Dutschke hielt ja z.B. eine "Machtübernahme" für möglich - die Entwicklung eines kritischen Geistes im Zusammenhang sehen mit der Rock'n'Roll-Stimmung der Zeit. Vergleicht man Bilder von Studenten zB aus dem Jahr 1960 mit denen aus dem Jahr 1970 tun sich wahrlich Welten auf. Das waren nicht nur linke Ideen und Utopien, die zu einer neuen Gesellschaft führten, das waren die Beatmusik, die langen Haare der Hippies, die sexuelle Revolution, kurz : die kulturelle Umbruchsstimmung.

Die gegen das Establishment, das Bürgertum gerichtete Umbruchs- und Aufbegehrensstimmung fand ihren intellektuellen Background in den Ideen von Marcuse, Horkheimer und Co, in den mitreißenden Reden von Rudi Dutschke aber auch bei Drogen-Gurus wie Timothy Leary. Bei dieser - große Teile der Jugend in Europa und den USA erfassenden - Umbruchsstimmung war der von Ihnen angesprochene Lösungsansatz leider nicht opportun.

Tatsächlich - 40 Jahre danach gelangen wir längst zu anderen Arbeits- und Denkweisen. Motto: Problem erkannt (Analyse des Ist-Zustandes) - Gefahr gebannt (Lösung erarbeitet)!

Ist zB Attac an die Stelle der damaligen APO gerückt? Die Grenzen zwischen den Volksparteien verschwimmen (ein Grund, warum sich Friedrich Merz aus der Politik zurück zieht??), in Lemgo und anderswo gibt es schwarz-grüne Bündnisse, auch Hamburg steht womöglich vor einer schwarz-grünen Epoche. Laut nachgedacht wurde nach der letzten Bundestagswahl auch über "Jamaika". Kriegsdienstverweigerer sind nicht automatisch links, Bundeswehrangehörige nicht automatisch rechts. In ihren Ansichten zur Innenpolitik sind sich der frühere RAF-Anwalt und Grünen-Mitgründer Otto Schily und der CSU-Mann Günter Beckstein nahezu einig. Erschreckend hingegen bleibt der Einfluss von Lobbyisten auf das politische Geschehen.

Ich denke auch, Rot-Grün ist an seinen Akteuren - hmm, was eigentlich? Gescheitert? Würde ich so nicht sagen. Die Zusammenarbeit endete, weil die Akteure nicht mehr miteinander konnten. Eine Generation weiter sähe es anders aus, da hier die Ideologie in den Hintergrund rückt und einem Pragmatismus (mit Herz, hoffe ich doch) Platz macht. Gehen womöglich Pragmatiker gegen Extreme, gegen Fundis vor?

Die Zeit nach "68"

Ende der 80er/Anfang der 90er kam aus konservativen Kreisen die sloganmäßig neue propagierte "89er-Generation" (Mauerfall als Chance für eine neue nationale Identität, Wiederaufleben traditioneller Werte, Wirtschaftsliberalismus - Dinge, die vielleicht Helmut Kohls "geistig - moralische Wende" hervorgerufen haben). Die Zahl 89 ist ja die auf den Kopf gestellte Zahl 68 - und mit dem Anspruch ging diese konservative Aktion auch ran: Rückgängig machen, was einst die 68er ..ja was eigentlich ... zerstörten? in Bewegung setzten? 

Das ganze scheint sich entweder in Wohlgefallen aufgelöst haben, oder es ist praktisch Mehrheitsmeinung in Medien und Politik, in Wirtschaft und Verwaltung geworden. Beispiel: Den SPIEGEL (den ich an und für sich schätze) jetzt noch als Kampfblatt der Linken zu bezeichnen, geht sicher fehl. er hat m.E. sehr wirschaftsliberale bis konservative Züge bekommen

Eigene Position

Diese Vielfalt und Buntscheckigkeit birgt viel Diskussionstoff. Mich hat dies bereits zu meiner Jugend fasziniert - Anfang bis Mitte der 80er Jahre, eine Zeit, in der die Ideen, diese Epoche langsam unhip wurde.

Mich faszinierte vor allem der Gedanke der Revolte, des Opponierens gepaart mit wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Zustand der Gesellschaft, des Kapitalismus, des Bürgertums und der Suche nach Alternativen. Bin also - muss ich bei aller differenzierter Herangehensweise zugeben - ein 68er-Fan und fast traurig darüber, damals nicht dabei gewesen zu sein. Welch Umbrüche standen an! Auch in den USA. in Frankreich, in GB, in den Niederlanden, in Skandinavien und anderswo. Alles schien möglich, vor allem der Bruch mit althergebrachten - beengenden ! - Traditionen.

Na - jetzt ist es Geschichte und ich bin stark interessiert daran, detailliert an die Einzelheiten zu gehen. Ergebnis kann sein, dass ich sage - hmmm, muss umdenken, es kann aber auch sein, dass ich mich über historische Wahrheiten, soziologische Sichtweisen freue, denen 68er-Basher letzten Endes nichts entgegen setzen können.

Die Liberalen proftieren davon, genau gesagt Guido Westerwelle, aber auch Herr Wowereit, zugegben ein SPD-Mann. Wo kann jemand in so herausgehobener Position seien Homosexualität a. bekannt geben und b. öffentlich leben? Die Familie wird neu definiert, die Ehe ebenfalls. Der in den 60ern den jungen Leuten noch vorgegebene gerade Weg - heiraten mit Anfang 20 (des von den Eltern auserwählten Partners?), Familie gründen, klassische Rollenteilung (Mann geht arbeiten, Frau bleibt zwingend zu hause, wobei das Familienrecht seinerzeit noch stark patriarchalisch ausgeprägt war), Häusle bauen, nicht weiter auffallen - wurde zunächst einmal gründlich durcheinander gebracht.

Seit den 68ern erfolgte eine gründliche Reform zB des Familienrechts. Eine CDU-Ministerin ruft "Alle macht den Frauen!" Unglaublich aber wahr. Einige Ideen sind mitten im Bürgertum angekommen. Und die Grünen sind größtenteils keine linken Öko-Revoluzzer, sondern ebenso bürgerliches Milieu wie teilweise bei der CDU oder der FDP.

Verfehlte Vergangenheitsaufbereitung im Nachkriegsdeutschland

Seinerzeit war "Schweigen" über die Geschichte an der Tagesordnung. Unerträglich war sicher der Gedanke, es im stark kritisierten "Establishment" mit Alt-Nazis zu tun zu haben. Nicht, weil alle verdächtigt wurden - das war noch zu früh - sondern weil man es von einigen erfahren hat. Erst die Auschwitz-Prozesse brachten Licht ins Dunkel und warfen Fragen auf (lange Zeit nach den Nürnberger Prozessen).


Die APO-Veteranen und die Wende 1989

Es gab einen, sagen wir "Ortsverband", des SDS, nämlich der in Köln (ausgerechnet weit im Westen), dem tatsächlich ein Ideal-Staat a la DDR vorschwebte. Damit stand er auf Ebene des Bundes-SDS alleine da, auch Rudi Dutschke, der aus der DDR kam und einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz"  (s. Dubcek, Prager Frühling) für wünschenswert hielt, kritisierte die SDS'ler aus Köln dafür.

Das vorangestellt, galt das Modell der DDR für nur einen kleinen Teil der APO-Linken als Ideal, die allermeisten lehnten es ab.

Ich denke, ein Charakteristikum der Wendezeit 1989/90 bestand darin, dass zum einen undemokratischer Überwachungsstaat mit demokratischen, friedlichen Mitteln zu Fall gebracht wurde ("Wir sind das Volk!"), ein Fakt, den die alten APO-Veteranen begrüßten.

Zum anderen spielten nationale Töne immer mehr eine Rolle: Irgendwann wurde aus "Wir sind das Volk!" der Slogan "Wir sind ein Volk!" - nicht mehr der demokratische Grundgedanke rückte in den Vordergrund, sondern eben ein nationaler. 

Konservative witterten Morgenluft und haben durch den Lauf der Geschichte praktisch die Deutungshoheit erlangen können: Die DDR-Bürger wollten in erster Linie nicht nur Ihren Staat in die Knie zwingen, sie wollten in erster Linie die Wiedervereinigung. Diese konnte nur schnell durch Kohl's CDU ermöglicht werden, da SPD und Grüne sich zurückhaltender zeigten mit der Euphorie.

Darin mag der Eindruck begründet sein, die politische Linke habe seinerzeit eine Niederlage einstecken müssen. Allerdings hatte Oskar Lafontaine - kein 68er - recht mit seinem damals sehr störenden Hinweis, die Wiedervereinigung werde sehr viel Geld kosten und Steuererhöhungen zur Folge haben. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Wenn man sich überlegt, dass Willy Brandt zu seiner Regierungszeit (getragen von vielen APO-Veteranen) die Wiedervereinigung durch seine Ostpolitik mit ermöglicht hat, ist es sicher nicht richtig, die Wiedervereinigung als Niederlage der 68er zu betrachten.


Sichtweise im Jahr 2008

Das Thema "68" wird uns im Jahr 2008 wegen des "Jubiläums" noch häufiger begegnen...

Der Büchermarkt im ersten Quartal 08 ist voll von 68er-Abhandlungen, der SPIEGEL gibt eine "UniSpiegel"-Augabe zu dem Thema heraus - wie schon 1988 eine SPIEGEl-Spezialausgabe dazu erschien und 1993 in der TAZ eine Serie erschien und 1998 etc...

Interessant ist dabei, dass, je länger die Mini-Revolte der westlichen Welt zurück liegt, genau die zentrale Frage zu den Auswirkungen gestellt wird, vielmehr als zB in den zeitlich näheren 70ern und 80ern.

Ich selbst befasse mich seit mindestens 25 Jahren mit "68" - und ärgere mich immer wieder maßlos, was von 68er-Bashern dazu alles zum besten gegeben wird. Den geistigen Tiefflug des Jahres 2007 dazu absolvierte zB Eva Hermann, dies wird gerne - auf dem Niveau! - aufgenommen von anderen Konservativenbei jedem denkbaren Anlass. 

Nichts geht über ein "gesundes" Feindbild - s. oben.

"68" kann/muss kritisiert werden - aber bittte nicht so polarisierend, dumm und von wenig Wissen zeugend. Hätte sich Eva Hermann zB mit den Thesen von Rudi Dutscke zur Gewalt oder mit den Ideen der Kommune I detailliert auseinander gesetzt - wie Herr Glucksmann sich mit dem Mai68 in Frankreich auseinander gesetzt hat - dies hätte mindestens Respekt verdient. Aber so? Setzen, Sechs!

Generell glaube ich auch, das der Einfluss der 68er auf diverse Entwicklungen stark überschätzt wird - dies aber weniger von den linken "Erben im Geiste", als viel mehr von Konservativen, die per 68er-Bashing jenen Generationsvertretern alle möglichen Missetaten andichten wollen, man denke z.B. an Eva Hermann. Florian Illies und Kai Diekmann.

Ganz ohne Einfluss blieb das alles aber nicht (WG's, Liberalisierung und Modernisierung im Sexualstrafrecht sowie im Familienrecht, neue Führungsmodelle in den Unternehmen), aber tatsächlich sehe ich es ähnlich wie sie: Begann das nicht schon nach dem Krieg, mit der Auflehnung der Halbstarken, der Rock'n'Roller? Dann hätten wir eine rein kulturelle Veränderung, für die die 60er ebenso prägend waren wie die 70er und 80er Jahre.

Dass sich heute einige APO-Opas mit ihren "Heldentaten" brüsten ist normal und menschlich nachvollziehbar. Ich denke, dass vielen bewusst ist, dass sie durch den Marsch der Institutionen pragmatischer geworden sind und ein Marcuse z.B oder andere Denker der Frankfurter Schule immer mehr an Bedeutung verlorenhaben. M.E. war der "68er"-Traum bereits mit Antritt der Brandt-Regierung, spätestens aber mit der Befreiung Baaders durch Ulrike Meinhof und den ersten RAF-Toten ausgeträumt und Vergangenheit.

Interessanterweise spielt "68" bei den Jung-Linken bei Attac, Greenpeace, den Grünen und in der SPD überhaupt keine Rolle mehr. Das ist Geschichte. Punkt.

Auch dazu ein lesensewerter Beitrag in der "Zeit":
http://www.zeit.de/zeit-geschichte/essay_grefe

Die Konservativen tun sich noch schwer damit und lasten den "68ern" den bevorstehenden Untergang des Abendlandes, den Werteverfall, AIDS, die Globalisierung, das Privatfernsehen, die Bildungsmisere, den Geburtenrückgang und wer weiß welche Übel an. Differenzierung? Fehlanzeige! Sarkozy hat es auch nicht verstanden, wie Herr Glucksmann berichtet. Er zeigt auch nur ein "Feindbild", ohne das geht es ja nicht.

Bevor wir in die Debatte einsteigen, ist ja zunächst zu fragen, wie "68" überhaupt zu definieren ist - was manch Konservativen wieder an die theoretischen Debatten jener Zeit erinnert. Sind es wirklich nur die "drei Wochen" im Mai 68 in Paris bzw. die Zeit der APO in Deutschland?

Oder beginnt "68" am Ende mit dem ersten Rock'n'Roll-Hit von Elvis Presley im Jahr 1953 - die Zeit, in der die ersten von der SED/KPD finanzierten Ostermärsche durch Deutschland/West zogen? (s. "So macht Kommunismus Spaß" von Bettina Röhl) und endete mit dem Fall der Mauer 1989 und den Refdormen in Osteuropa?

Meine persönliche Assoziation:
Ich sehe Rudi Dutschke in den SW-Aufnahmen der 60er Jahre und höre seine in scharfer Sprache gefassten fesselnden Reden. Ich sehe Rainer Langhans und Fritz Teufel auf dem Ku-Damm in alberner Verkleidung und mitten drin Uschi Obermeier. Ich höre die Hits der Stones und der Beatles jener Zeit, sehe langhaarige Jugendliche in Monterey und Woodstock, "erlebe" Jimi Hendrix mit seiner Version der US-Hymne. 

Ein gewisser Rausch - Sex 'n' Drugs 'n' Rock'n' Roll - ist bei allem dabei. Mini-Röcke, die Pille, psychedlische Musik, bunte Farben ebenfalls. Alles scheint möglich. Trotz der immer geäußerten Gesellschaftskritik herrscht eine optimistische (Zeichen des Wassermanns) Aufbruchstimmung.

Das Ende von "68" wird besiegelt durch den Antritt der Regierung Brandt mit der ersten sozial-liberalen Koalition im Herbst 69 und die ersten RAF-Anschläge. Dann beginnen die grauen, blutigen, pragmatischen 70er Jahre.

Die 80er bringen ein neues konsumwilliges Karriere- und Luxusdenken, Hedonsimus und Eitelkeit. Was hatte das noch mit 68 zu tun? In den 90ern scheint die Generation der damaligen Aktivisten an den Schalthebeln der Macht angelangt zu sein - wobei ernsthaft gefragt werden muss, ob etwa Joschka Fischer sich zu den "68ern" zählen kann, erst recht Gerhard Schröder. Überdies regieren Spaß und die Love-Parade.

Und mit Beginn des neuen Jahrtausends? Sind wir nicht eher von der Karriere-Spaß-Generation der 80er/90er Jahre geprägt? Was hat 2008 mit "68" zu tun? Warum werden weniger Kinder geboren? Weil man in diese Welt keine Kinder setzen möchte (Alt-68er-Argument der Pessimisten) oder weil man Spaß haben und Karriere machen will? Ich höre keine Gesellschaftskritik. Ich spüre keine "Aufbruchstimmung", keine "Bewegung".

Sind "wilde Ehen" - wie man früher dazu sagte - auf die 68er zurück zu führen? Sind Grüne, FDP, SPD oder die Linke Erben der "68er"? Oder niemand? Ist das PISA-Resultat den idealistischen jungen Gesamtschullehrern der 70er anzulasten? Oder hat man einfach nur nach den Bildungsreformen der 70er versäumt, "am Ball" zu bleiben?

Womöglich hätte es irgendwann anders gebrodelt, wenn "68" nicht gewesen wäre. man denke an die Ausfälle von Halbstarken bei Bill-Haley-Konzerten in den 50ern oder die Schwabinger Krawalle 1962 (an der übrigens Andreas Baader großen Gefallen fand). Ein überfälliges Auflehnen gegen Althergebrachtes - das angesichts der Nazivergangenheit, der prüden Sexualmoral, der piefigen Spießigkeit allenthalben nur notwendig war.

Die Ironie der Geschichte: in den 80ern wusste man nicht mehr (weiß ich selbst noch) gegen was man rebellieren konnte, weil eigentlich alles zu Ende rebelliert war und eine rebellische Haltung gegenüber dem schwarzen Riesen aus Oggersheim wegen dessen Bräsigkeit und Aussitzerei keinen Sinn machte. Spätestens zu dem Zeitpunkt, wenn nicht schon in den 70ern, war Protest wieder themenbezogen und pragmatischer (gegen die Stationierung von Pershings, gegen Atomenergie, für die Emanzipation von Frauen, gegen die Verhältnisse in Lateinamerika etc).

Heute heißt das: Global denken, lokal handeln.... Die Freiheiten sind erkämpft, jetzt müssen wir damit verantwortungsvoll umgehen. Das ist vielleicht das Dilemma.

Warum Konservative (noch) hadern


Es womöglich der Punkt, den zahlreiche Konservative/68er-Basher nicht wahr haben wollen: das was sie unter "68" verstehen, ist derart vielseitig, dass es kaum gelingt, den typischen "68er" auszumachen.

Wollen sie am Ende die Alternativströmungen, die emanzipatorischen Denkansätze für eine andere Gesellschaft quasi die Verantwortung für etwaige Missstände geben? 

Das Absurde dabei ist ja, dass diverse alternative Gegenbewegungen ja gerade entstanden sind, weil es soziale/gesellschaftliche Missstände gibt. Ökos, Hippies, Punks sind als eine Art Protest- bzw. Gegenbewegung zur etablierten Lebensweise entstanden, es handelt sich um politisch sehr kritische Leute bzw. um Aussteiger, die zB bewusst Konsumverzicht üben, auf eine steile berufliche Karriere verzichten etc. Womöglich stört es manchem aus dem Establishment (68er-Jargon, ich darf lästern, ich gehöre auch dazu), dass durchs Aussteigen bzw. alternative Lebensentwürfe die hergebrachten etablierten eigenen Lebensvorstellungen grundsätzlich hinterfragt werden - das ist gefährlich unangepasst - und darf es eigentlich nicht geben!

Für Marktwirtschaftler eigentlich unverständlich - wie sagt man, Konkurrenz belebt das Geschäft, das muss denknotwendig auch für alternative Lebensentwürfe und kritische Stimmen zum geltenden Mainstream gelten. Es lebe die Dialektik!

Grüße

M.Kupfer
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