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12. September 2008 5 12 /09 /September /2008 16:53
Eine nahezu vollkommen absurde Situation ergab sich an einem schönen, sonnigen Montagmorgen im Frühling kurz nach Arbeitsbeginn:

Ich saß am Schreibtisch und hatte plötzlich Nasenbluten.

Ich spürte schon, dass irgend eine Flüssigkeit den Weg durch die Nasenhöhle nahm und hielt dies zunächst - ein wenig verschnupft war ich schon - für ... na, ich will es nicht vertiefen, jedenfalls schneuzt man dieses Zeug gewöhnlich ins Taschentuch. Das leicht metallische Aroma verhieß allerdings nichts Gutes.

Ich suchte in der Sakkoinnentasche eilig nach Taschentüchern, fand aber keines. Der erste rote Klecks fiel prompt auf die Tischplatte.  Schnell riss ich die Schreibtischschublade aufund kramte herum - wieder nix...! Kein Tempo, gar nix! Wieder ein Klecks, diesmal auf den Teppich...Auch die anderen Schubladen enthielten kein Taschentuch... Meine Aktentasche enthielt ebenfalls kein Taschentuch....der zweite und der dritte rote Klecks fielen auf den Teppich, ich hatte keine Chance, die Blutung zu stoppen!

Ich tastete Richtung Türe, um diese zu schließen, und markierte den Weg mit mehreren Blutstropfen, obwohl ich meine Hand dicht unter die Nase hielt. Ich suchte im Papierkorb nach einem gebrauchten Taschentuch - und hoffte, mit dem Teil vor der Nase schnellstens zum Waschbecken rennen zu können, um dort Papierhandtücher nehmen zu können. Leider fand sich keines.... In meiner Handfläche bildete sich langsam ein kleiner Blutsee, der seinen Weg durch die Finger gen Teppich und Schreibtischplatte fand. Ich schnappte mir in der Not ein Stück Schreibpapier und hielt dies unter die Nase, was aber aufgrund der fehlenden Saugfähigkeit des Papiers zu weiteren Blutrinnsalen im Raum führte.

Zwischenzeitlich befanden sich Blutspuren an der Türe, auf dem Teppich, auf dem Schreibtisch, an und in dem Papierkorb, am unteren Rand der Tapete, an meinen Händen sowie im Gesicht. Die Blutung hörte und hörte nicht auf.

ABER: Hemd, Hose, Sakko und Krawatte blieben sauber....!! Auch Computermaus, Tastatur, Bildschirm und Telefon blieben sauber. Man muss halt Prioritäten setzen...

Ich hätte ja am Empfang anrufen könen, um unsere Damen vorne zu alarmieren, aber dazu kam ich einfach nicht. Es lief und lief, ich musste mir etwas einfallen lassen...

Das Blut klebte mittlerweile an den Händen und unter Nase und Mund. Ich sah bestimmt aus wie Hannibal der Kannibale aus "Schweigen der Lämmer"... Wenn ich jetzt so den langen Flur Richtung WC entlanglaufe, würde ich noch mehr Blutspuren ziehen, musste nicht sein. Wenn vorne Mandantschaft saß, nicht auszudenken...

Was sollte ich denn tun?? Ohne Tempos, ohne irgend etwas zum Aufsaugen und Saubermachen??

In dem Moment klopfte es an der Tür, meine Kollegin kam herein, um eine Frage zu stellen und wurde
kreidebleich angesichts des Schlachtbildes und meines Anblicks, als ich mich zu ihr umdrehte...- der Raum sowie meine Person müssen ausgesehen haben, als sei gerade auf mich geschossen worden.

Die Rettung durch sie folgte schnell: ein nasses Handtuch sowie zahlreiche Papierhandtücher waren schnell besorgt und ich konnte mich wieder unter Leute trauen... In der Mittagspause besorgte ich Fleckenteufel und beseitigte die gröbsten Verschmutzungen... Außerdem besorgte ich eine Megapackung Taschentücher. Für das nächste Mal. man weiß ja nie...

Das Büro wurde kurze Zeit später neu gestrichen und erhielt einen neuen Teppich, aber das war sowieso geplant...

M.Kupfer

Kleiner Nachtrag: Monate später machte ich bei einer Mandantin - eine etwa 70-jährige resolute Dame - einen Besuch in deren Geschäftsräumen. Es ging um irgend etwas Steuermäßiges. das hat sie wohl etwas aufgebracht, sie stand auf und sagte "Bin gleich zurück", um kurz darauf mit einem sich langsam rot verfärbendenTaschentuch in der Nase vor mir zu sitzen....
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10. September 2008 3 10 /09 /September /2008 09:08

Als Anwalt erhalte ich manchmal die Gelegenheit, ein Seminar durchzuführen bzw. einen Vortrag zu Fachthemen zu halten.

Am liebsten sind mir Veranstaltungen von bis zu 3 Zeitstunden. Dann bereite ich etwas zu meinem Fachgebiet vor - Arbeitsrecht - und zeige eine Powerpoint-Präsentation, zu der dann Fragen gestellt werden und sich eine mitunter lebhafte Diskussion entwickelt.

Tagesseminare mache ich in der Regel nicht, dennoch habe ich schon bei einem Unternehmen, das als Einkaufsgesellschaft für eine Mittelstandsbranche fungiert drei Tagesseminare gehalten.


Da gehe ich genau so vor, wie bei meinen kleinen Gesprächsrunden - eine Powerpoint-begleitete Diskussion mit Schulungsmaterial.

Das ging zwei mal ganz gut, beim dritten Mal letzte Woche ergab sich eine alptraumhafte Situation, die selbst die geübtesten Trainer aus den Socken hauen dürfte.


Ich bin kein ausgebildeter Trainer. Ich mache das eben nebenher, als "Abfallprodukt" meiner Tätigkeit. Passt halt, irgendwie...


Im August 2007 war mein erstes Mal dort. Anstrengend, aber erfolgreich. Thema: "Arbeitsvertragsgestaltung"


Im Mai hielt ich in jenem Unternehmen mein zweites Seminar, allerdings war dies wiederum ein Debüt zu einem besonderen Thema, nämlich "Variable Vergütungssysteme".


Preis pP: 190,--€ netto incl. drei Speisen in der Kantine. Ein Discountpreis verglichen mit anderen Anbietern am Markt, die locker das vier-bis fünffache nehmen.


Die Teilnehmer: 10 -12 Personalverantwortiche, GF und andere Entscheider aus ganz Deutschland aus den Branchenunternehmen.


Im Vorfeld der Veranstaltung habe ich dem Auftraggeber mitgeteilt, dass mir die Darstellung von Grundlagen und einigen Fällen möglich ist, keinesfalls aber Berechnungen, die man mit nach Hause nimmt, um diese dort gleich umzusetzen. Ich gehe das eben aus der organisatorischen, juristischen Pers
pektive an, nicht aus der kaufmännischen. Das habe ich im Vorfeld geklärt, war also dort bekannt. So dachte ich jedenfalls.



Die Veranstaltung lief mittelgut und war verbesserungsfähig - Debüt halt - aber offenbar gut genug, um mich noch einmal mit dem selben Inhalt zu einer weiteren Veranstaltung mit diesem Inhalt einzuladen.


Der Termin: Erste Septemberwoche.


Angesichts der Erfahrungen aus der Debütveranstaltung zur "Variablen Vergütung" habe ich einzelne Änderungen am Inhalt vorgenommen, die Gesamtstruktur habe ich aber nicht wesentlich geändert. Zum Beispiel hatte ich im Mai den Aspekt der Führung vertieft - meines Erachtens kann variable Vergütung keinen Selbstzweck verfolgen, sie dient der Motivation der Beschäftigten und sollte nur eingeführt werden, wenn eine enstprechende motivierende Führungskultur herrscht. Wer einen autoritären Führungsstil pflegt oder
zulässt, kann es gleich sein lassen. Den Komplex habe ich nahezu ersatzlos gestrichen.


Dafür habe ich einen neuen - erfolgreichen -Trend der Unternehmensorganisation präsentiert, bei dem Incentive-Systeme anders und womöglich intelligenter eingesetzt werden (Beyond Budgeting). Das Beyond Budgeting hatte ich auch schon im Mai zum Thema gemacht, wenn auch nicht so vertieft,


Im August ergab sich im Vorfeld zu der nun anstehenden Veranstaltung eine weit stärkere Nachfrage als noch im Mai. Die Teilnehmerzahl lag bei 14, groß genug jedenfalls. Der Auftraggeber ließ mich gewähren und schien mit der ersten Veranstaltung halbwegs zufrieden zu sein.


Ich ging davon aus, die Inhalte waren akzeptiert. Jedenfalls kamen aus der Orga-Abteilung Personalentwicklung keine Wünsche/Anregungen und auch sonst kein Feedback zum letzten Mal...

 

Dabei befanden sich keine Charts, berechnungen oder Sonstiges in der Präsentation. Vielleicht hätten das die Kaufleute lieber gesehen, aber dann hätte mein Auftraggeber entsprechend darauf hinweisen müssen, der kennt das Klientel besser als ich.


Einen Tag zuvor rief Herr S. an, der Leiter der Pers-entwicklung. Mit dem hatte ich bislang nichts zu tun. Das Gespräch verlief sehr freundlich, er betonte, dass dort nun ganz "anspruchsvolle" Teilnehmer erscheinen würden und dass das doch zum Premium-Seminar werden könnte. Wir tauschten Einzelheiten zum Inhalt aus und es schien, als könnte die Veranstaltung erfolgreich  werden. Man konnte meinen, wir lagen auf einer Wellenlänge, wobei ich davon ausging, dass er mein Vorgehen vom letzten Mal kannte.

Wie gesagt: Auch damals befanden sich keinerlei Charts oder dergleichen in den Unterlagen.  Bei mir drehte es sich um Grundsatzfragen.


Die  überarbeitete Fassung schickte ich ihm nachmittags. Sie unterschied sich nur partiell von der anderen Fassung, das hatte ich bereits angekündigt. Die Struktur, der Aufbau blieb...


Die Veranstaltung wurde allerdings ein grauenhafter GAU und könnte ein großes Sonderkapitel in einem Lehrbuch für Trainer unter dem Titel "Unlösbare Krisen" einnehmen.... :-(


Herr S. nahm mich an dem Morgen in Empfang, er hatte zuvor angekündigt, dabei sein zu wollen.


Das war ja soweit o.k.


Die Teilnehmer erschienen einer nach dem anderen und man traf sich erst einmal in der Kantine zum "Kennenlern-Kaffeetrinken".


Dann begann das Seminar. Nach Vorstellungsrunde und Einstieg mittels Fragen an die Erwartungen an ein variables Vergütungssystem begann ich mit meiner - zugegeben dicken und "bleihaltigen" - PPt-Präsentation.


Aber das schien ja, wie beim letzten Mal, abgesegnet zu sein.

Es schien auch kein Problem zu sein, als "Fachfremder" (RA mit BWL-Grundkenntnissen, kein Personaler und schon gar kein hauptberuflicher Trainer) dort ein Thema mit Blick über den Tellerrand vorzustellen.... Fragen zu meinen Referenzen, Erfahrungen als Trainer in dem Bereich hatte niemand gestellt. Es gab keinerlei Check zuvor!


Natürlich kann man sich darüber streiten, ob eine Powerpoint-Folienschlacht für ein Tagesseminar toll ist.


Nein, ist es sicher nicht. Aber es geht. Mittelmaß, akzeptabel, aber nicht grundfalsch...


Ich erzählte - nach einem Unternehmensberaterwitz zu Beginn - etwas zum Ablauf der Veranstaltung, zu Begrifflichkeiten, Wirtschaftsdaten und Anderem, unterschied zwischen leistungs- und erfolgsbezogener Vergütung, erläuterte Möglichkeiten für Führungskräfte...

 

Zwischenzeitlich verließ Herr S., der mich durch die Veranstaltung begleiten wollte, den Raum und ich war allein mit den Teilnehmern.


Ich stellte Fragen in die Runde, die kaum zu Diskussionen führten. Es lief nicht wirklich gut. Warum nach Leistung prämieren? Was bedeutet im Einzelhandel denn Leistung? Umsatz? Warum? Quäl....


Beim ersten Mal im Mai hatte ich nicht so eine schweigende Phalanx vor mir sitzen.


Irgendwann begann eine gewisse Unruhe. Einzelne fragten nach praktischen Beispielen. Ich verwies höflich darauf, dass diese auf jeden Fall noch folgen würde, aber eben nachmittags. (Ganz zu Beginn hatte ich ja wie gesagt  den Ablauf vorgestellt, es war also allen klar, dass Fallbeispiele und die Klärung rechtlicher Fragen noch folgen werden).

Ich machte also weiter im Programm - nach meiner Erfahrung sind nach so einer Äußerung die Gemüter beruhigt.


Die Gemüter beruhigten sich aber nicht, zumal ein selbsternannter "Revolutionsführer" die Stimme erhob und in den Raum sprach "Ich bin sicher nicht der einzige hier, so haben wir uns das nicht vorgestellt, alles viel zu theoretisch...!". Bitte schön, wie geht man denn mit so etwas um? Die Stimmung kippte allmählich und sehr bedrohlich...


Ich bat ein weiteres Mal um Geduld, war aber schon etwas angefressen, zugegeben. Wie man hier sagt: Fast sprang mir der Draht aus der Mütze...


Ich hatte auch ehrlich gesagt wenig Lust, mein Programm für die paar Leute mal eben umzustellen, das hieße ja, dass ich Themen auf Zuruf mache. Geht irgendwie gar nicht. Diskussionen und Fragen - kein Problem. Exkurse, kein Problem. Aber den Weg im Wesentlichen bestimme ich, sonst werde ich zum Kasper gemacht. Oder zum Zirkuspferd, das Kunststücke auf Peitschenknall vorführt.


Irgendwann stand ein Herr auf, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, und verließ die Veranstaltung mit den Worten "Das reicht mir jetzt". Der hatte quasi nach fast jeder Folie genervt gefragt, wann es denn mit der Praxis beginnt.


Das wirkte nicht gerade deeskalierend, ganz im Gegenteil.


Hat er als Kind beim Märchenvorlesen auch nicht abwarten können, bis Hänsel und Gretel die Hexe in den Ofen stoßen??


Dabei war nicht einmal eine Stunde vergangen! Es war schon jetzt grauenvoll. Im Mai war das nicht so gelaufen. Und den Teil des Seminars hatte ich seinerzeit unbeanstandet abgeleistet.


In dem Moment erschien Herr S. wieder im Raum. Eigentlich sollte ich mich über die erhoffte "Rettung" freuen. Was aber tat Herr S. - nachdem manche ihren Unmut äußerten, über die vielen Theorien? Er stellte sich nicht etwa hinter mich und versuchte, zu vermitteln.

Er setzte sich auf seinen alten Platz, sah mich vorwurfsvoll an und fragte:

"Warum tun Sie das denn nicht...?!"

Zack! Treffer. Mit der Äußerung zog er mir den Boden unter den Füßen weg.

Danach war eigentlich alles vorbei. Meine Rolle war nicht mehr die eines Fachmanns, der den Leuten etwas beibringt, sie war die eines Prüflings, der sich durch die Veranstaltung hetzen ließ.


Die größten Krakeeler und Unzufriedenen konnten sich durch Herrn S. bestätigt fühlen. Meine Autorität kraft Fachwissens war dahin, das Seminar war mit einem mal fremdgesteuert, zumal Herr S. versuchte, an meinen Themen vorbei Fragen zu stellen und eine Diskussion in Gang zu bringen. Das hat vielleicht die von ihm gewünschte Diskussion angeschoben, aber leider an meinem "Plot" vorbei...

In der Mittagspause, als alle TN den Raum verlassen hatte, äußerte Herr S. mir gegenüber seine tiefste Enttäuschung, ich könne doch keine Vorlesung halten, was das denn sollte, die Präsentation enthalte zuviel Text, nicht mal ein paar Charts, das sei ganz furchtbar, so gehe das nicht, wenn die sich jetzt beim Vorstand beschweren.Lassen Sie nachher bloß die Folien weg (was mir angesichts der Fülle und Komplexität nicht möglich war)...!! Lassen Sie uns jetzt was essen gehen...


Ich ließ diese Tirade über mich ergehen und musste erst einmal sortieren, was jetzt zu tun war...


Hatte ich schon erwähnt, dass wir im Vorfeld nie über Inhalte, Gestaltung und Erwartungen bei so einem Thema gesprochen hatten? Was bitte wurde von mir erwartet??


Der Rest des Tages war erledigt. Ich war demotiviert und geschwächt. Klare Gedanken bekam ich nicht mehr hin, es ging ums nackte Überleben. Was bitte sollte jetzt noch an Wissen vermittelt werden, wie sollte noch Interesse geweckt werden, wenn allen klar war, dass der Auftraggeber nicht hinter mir stand. Er ließ es mich auch spüren - die anderen auch - dass er nichts davon hielt, was ich da tat.


Was hätte Herr S. tun müssen?


Er hätte zwischen mir und den TN vermitteln müssen. Er hätte sich, wie sich das gehört, wie folgt äußern müssen:

"Ich kann ja verstehen, dass manche von Ihnen nur Theorie nicht mögen. Da müssen wir jetzt aber erst einmal durch. Ich kenne den Vortrag, wir hatten das so besprochen, wir bekommen am Ende noch sehr interessante Fälle präsentiert. Außerdem wird Herr M. einen ganz neuen spannenden Trend beschreiben, lassen Sie ihn mal machen....".

Statt dessen aber erfolgte ein Dolchstoß in den Rücken, ein klares Distanzieren von meiner Leistung. Das ist, als würde der Rektor einer Schule einen Lehrer vor der versammelten Klasse zurecht weisen. Als würde der Abteilungsleiter den Teamleiter vor dem Team maßregeln.

Unlösbar. Katastrophal. Eigentlich hätte ich einpacken können....

Wie man sich da fühlen muss, kann sich der eine oder die andere sicher vorstellen. Alles, was ich noch brachte, konnte nur falsch sein. Lerneffekt gleich Null....


Der Knaller am Ende: Normalerweise lässt man die Teilnehmer am Ende Feedback-Bögen ausfüllen. Darauf verzichtete Herr S. süffisant lächelnd.... "Nee, das muss ich nicht haben..."

Self fulfilling prophecy: Erst ruiniert er mein Seminar durch Infragestellen und Distanzieren, dann lässt er keine Feedback-Zettel ausfüllen, weil er schlechte Kritiken fürchtet.

Auf meine Frage nach einem Feedback einige Tage später reagiert er ausgesprochen aggressiv: Tiefpunkt seit 30 Jahren... Blablabla... Kritik des Vorstands ...blablabla.

Außerdem setzt dieser Herr S. diese Denke fort und verzichtet darauf, den Kursbeitrag der TN abzufordern. Poplige 190,--€ p.P.netto ! Damit bestätigt er noch einmal sein klares Distanzieren von der Veranstaltung und lässt mich im Regen stehen...

Ein Einfallstor für all die, die meinen, jetzt noch Schadensersatz (Hotelkosten, Reisekosten, Verdienstausfall pp) fordern zu können....

Mein Tipp an Herr S.: Die eigenen Fehler eingestehen - keine inhaltliche Abstimmung, verhalten bei der Veranstaltung -  die Sache als "kann-mal-passieren" verbuchen und das Seminar ohne Staatsaffäre mit den Teilnehmern abrechnen. Wer sich weigert, bekommt Mahnungen...

Und dann zur Tagesordnung übergehen...

Das wollte ich nur einmal loswerden.


M.Kupfer

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6. August 2008 3 06 /08 /August /2008 22:12
Beruflich gerate ich gelegentlich in die missliche Lage, auf Veranstaltungen der Rede eines sich selbst als konservativ bezeichnenden Oberindianer zuhören zu müssen. Das ist zwar nur 2-3 mal im Jahr, aber das genügt mir völlig. Wäre ich nicht zur Loyalität verdonnert, wäre ich ein übler Zwischenrufer und würde aus dem Saal verbannt.

Die Rede könnte jeder CDU/CSU-Hinterbänkler (aka Wadenbeißer) von sich geben, wenn er nur dürfte. Die Fraktion weiß, warum solche Hinterbänkler nicht reden sollten. Weil es peinlich ist.

Hier aber bremst den konservativen "tief besorgten" Oberindianer niemand, also muss ich gnadenlos leiden...

Oder bin ich gar nicht alleine, wenn sich bei diesen Reden regelmäßig die Fußnägel hochrollen? Trotzdem - es scharrt niemand mit den Füßen, niemand grollt oder stöhnt auf, bin ich am Ende der Einzige in der Zuhörerschaft, dem diese Worte richtig Schmerzen bereiten??

Er erzählt immer dasselbe. Seit Jahren! Ist das konservativ? Oder einfach nur phantasielos? Oder beides?

Ich komme nur in einem Punkt mit ihm auf einen Nenner: In der Einsicht, die Dinge sorgfältig  und überlegt anzugehen und keine Schnellschüsse zu starten. Das war es aber schon. Und eine Binsenweisheit.

Ansonsten sehe ich mich in den Anschauungen und Vorstellungen, in der politischen Ausrichtung und Überzeugung in einer anderen Ecke als er, diametral entgegen gesetzt sozusagen. In so ziemlich allen Punkten muss ich ihm widersprechen. Nicht aus dem Prinzip "Opposition", sondern ganz echt und ehrlich. Aus tiefster inhaltlicher Überzeugung.

Meine Loyalitätsverpflichtung hindert mich aber am offenen Widerspruch.

Nicht falsch verstehen: Ich kann konservative Zeitgenossen durchaus mit ihrer Sicht der Dinge stehen lassen und akzeptieren, ich kenne, da ich sehr viel mit Arbeitgebern, Mittelständlern und CDU-lern zu tun habe, eine Menge konservativer Menschen.

Ich komme klar, ohne meine Meinung an diese Leute anpassen zu müssen. Ich schätze wertkonservative Menschen. Als Grüner sehe ich an dem einen oder anderen Punkt sogar Überschneidungen und Möglichkeiten zum Konsens (sicher nicht bei der Atomenergie, aber das ist ja auch kein wertekonservativer Punkt sondern Lobbypolitik... ups, ich schweife ab...). Das  sind aber eher Leute wie unser Alt-Bundespräsident Weizsäcker, der UN-Mensch Töpfer oder sogar Herr Geißler.

Keineswegs aber die Herren Kohl, Oettinger, Koch oder die Dame Haderthauer.

Und was sowas von gar nicht geht, ist dieser wirtschaftskonservative Oberindianer, der sich offenbar als "tief besorgter" letzter Konservativer seiner Art zu diesen niederschmetternden Reden "zur Lage der Nation" berufen sieht....

Er ist "tief besorgt". Immer! Keine Zuversicht, kein unternehmerischer Optimismus, kein Elan, das Beste aus den Widrigkeiten der Gegenwart zu machen.

Er ist Unternehmer. Als solcher kann man sich ein ewiges Hadern eigentlich nicht auf die Fahne schreiben. Da sind Macherqualitäten gefragt. Optimismus. Und keine ewige Klage.

Aber: Er ist aus Prinzip "tief besorgt" und wird nicht müde, dies jedesmal mehreren zig Zuhöreren mitzuteilen. Tiefe Sorge als Lebensphilosophie, ungeachtet der aktuellen Situation.

Sommers wie winters! Als Rot-Grün regierte, seitdem die Große Koaltion regiert - und es wird auch so sein, wenn 2009 eine Regierung mit Merkel/Westerwelle in den Atomfarben schwarz-gelb antritt.

Er wird mit keiner Regierung zufrieden sein, mit keiner. Die Regierung kann es gar nicht gut genug machen. Die Regierung, die er will, kann es gar nicht geben.

Immer ist er "in tiefer Sorge"... und er schaut dabei auch immer sehr besorgt, mit Falten auf der Stirn, so, als befürchtet er, man wolle man ihm alles wegnehmen, sein Hab und Gut, sein Weltbild, alles....
Konservativ sein heißt bewahren. Bewahrt er sein kompakt-lineares Weltbild bar jeder Vernunft??

Wenn das schon kommt, das mit der "tiefen Sorge". Er trägt dabei mit sorgenzurfurchter Miene vor, betont vernünftig akzentuiert.

Die Steuerpolitik bereitet ihm "tiefe Sorgen". Die Linken, die CDU, die Wirtschaftspolitik, die Familienpolitik, die Umweltpolitik...

Desgleichen natürlich die Emanzipation, diese sei ein schwerwiegender Fehler, weil die Familien zerstört worden seien.

Die "68er" werden dann in einem Extra-Kapitel der Rede auch in aller Regel gebashed, was das Zeug hält, wo sie doch "soviel Ungemach" über "uns" gebracht haben... sie haben die Autoritäten kaputt gemacht, Bindungen zerstört, die Familien, alles haben sie kaputt gemacht, alles, alles, alles...! Kein Stein mehr auf dem anderen, alles Schöne einfach aus ideologischen Gründen kaputt gemacht....

Nicht ein bisschen kann man den Eindruck gewinnen, der Mann habe sich irgend wann einmal ernsthaft mit "68" auseinander gesetzt. Alles wirft er in einen Topf.

1968 war dieser Mensch Jugendlicher. Hat ihn unsere kleine Kulturrevolution vor 40 Jahren so dermaßen traumatisiert? Oder sind es die berühmten sauren Trauben? Durfte er keine Rockmusik hören oder lange Haare tragen?

Oder war er als Jugendlicher damals schon unerträglich vernünftig? Ach, ich vergaß - nur maximal 20-30% der jungen Leute damals waren "68er" im engeren Sinne. Alle anderen waren brave Bürger. Warum aber sieht er das nicht einfach differenzierter? Niedersachsens Ministerpräsident Wulff, ebenfalls CDU kann das zum Beispiel. Und diverse andere unaufgeregte Leute, auch aus der CDU.

Warum gibt es nicht mehr Wulffs in der CDU??

40 Jahre danach den damaligen Aktivisten die Schuld für "mit tiefer Sorge" festgestellter Missstände der Gegenwart zu geben - ungeachtet vieler anderer Phasen, z.B. der Yuppie-Zeit der 80er, der Spaß-Phase der 90er - hört sich nach vernichtendem und vor allem undurchdachtem Rachefeldzug an.
68er-Bashing a la Eva Hermann.

Es lebe das Feindbild, das selbstverständlich links auszumachen ist. Eine üble Verschwörung linker Revolutionäre, uuhhh, daher kommt das alles. Sie sitzen in den Medien, den Schulen und Universitäten und betreiben rote Gehirnwäsche.

Eine gefährliche Junta, der man sich als "tief besorgter" Konservativer entgegenstellen muss...

Nur zwei Lebensbereiche, so stellt der sonst "tief besorgte" Konservative nun fast erleichtert fest, seien von "68" verschont geblieben - die Familienunternehmen und die (katholische) Kirche....

Wie bitte, geht's noch? Schon mal was von Dialektik und Wertewandel gehört? Nennt er seine Auszubildenden noch "Stifte"?

Mit "tiefer Sorge" beurteilt er übrigens auch die Pläne, dass der Konferenzsaal, in dem wir uns befinden, demnächst saniert wird (hoffentlich nicht so ein Schicki-Micki-Kram...). Jaja, überall lauert der Feind, sogar hier. Das Böse ist immer und überall...

Der Armutsbericht der Bundesregierung - oh Wunder - bereitet ihm keine Sorge, nicht mal ein bisschen. Arm sind die Leute nicht hier, sondern in Afrika, oder Indien, aber nicht in Deutschland, nein, das gibt es hier nicht. Hat sich wieder einer von den linken Gutmenschen ausgedacht. DAS bereitet ihm wieder "tiefe Sorge".

Wer arm ist in Deutschland, ist in Wirklichkeit nicht arm, außerdem seien die Leute auch selbst schuld, weil sie keine Verantwortung übernehmen. Anlass, hier etwas selbst beizutragen, etwa eine soziale Einrichtung finanziell zu unterstützen, sieht er nicht, da Umverteilung nie etwas bringe.

Er stützt seine Überlegungen auf den katholischen Wertekanon, nach dem Selbstverantwortung gefördert werde.

Christliche Nächstenliebe mal anders? Wie war das mit dem Reichen, dem Kamel und dem Nadelöhr? Hat er die Bergpredigt verstanden?


Dann kommt ein Spruch aus dem CDU-Wahlkampf von 2005: "Sozial ist, was Arbeit schafft..." und "Arbeit hat Vorfahrt".

Da schau her. Wie er zur Befreiungstheologie oder "Kirche von unten" steht, kann man sich ja zusammen reimen...

Desgleichen hat er erhebliche Zweifel am bestehenden Klimawandel. Konsequenterweise lehnt er etwaige Maßnahmen gegen den Klimawandel (die ja nur mit Einschränkungen für die Unternehmen verbunden sein können) kategorisch ab, wozu auch, es gibt ja keinen Klimawandel. Das ist alles nur Zeitgeist, man werde sehen, da ist nichts dran. Das diene dem Staat nur dazu, "die Wirtschaft" zu gängeln.

Woher weiß er das?

Begrüßen tut er aber die ungetrübte Begeisterung bei den Weltjugendtagen für Papst Benedikt XVI. Man müsse dem radikalen Islamismus - aus dem viele Menschen in den muslimischen Ländern ihre Kraft ziehen - einen radikalen, ja fundamentalen christlichen Glauben entgegen setzen, natürlich katholisch.

Hmm, tatsächlich? Wie wäre es mit gesunder Säkularität? Ich will niemandem den Glauben nehmen, aber religiöser Glaube ist Privatsache und ein derart empfindliches Thema, dass es in einer Rede zur lokalen Wirtschaft m.E. keinen Platz einnehmen darf.

Er begrüßt außerdem einen  angeblich
neu erwachenden Patriotismus, den er in der Begeisterung der Massen etwa bei der WM oder EM zum Ausdruck kommen sehen will. Das mache doch Hoffnung.

Vielleicht wollten die Massen einfach nur eine schwarz-rot-goldene Party?

Verbreitet der "tief besorgte" Konservative dann doch ausnahmsweise Zuversicht? Interessant ist die Begründung: Bedingungslose Begeisterung für Papst und Vaterland als Hoffnungsschimmer...

Es kommen andere Zeiten, sagt er mit sorgenvoller Miene, er sei optimistisch, dass bald wieder Kernkraftwerke in Deutschland gebaut werden. Dass ein mittlerweile von der politischen Bühne verschwundener, aber noch bekannter CDU-Finanzexperte Merz wieder komme (der mit der Bierdeckel-Steuererklärung).

Die Zeit der Hirschs und Leutheusssers in der FDP sei endlich vorbei...

Im Polarisieren ist er auch groß, der "tief besorgte" Wirtschaftskonservative...

Langsam komme ich in die Phase beim Verfassen dieses Beitrags, in der mir zu jedem Satz nicht nur ein kurzer Einwand, sondern gar eine ausführlich begründete Gegenthese einfällt. Das würde aber ausufern. Siehe einfach zB in das Grüne Grundsatzprogramm, dann wisst ihr, wie ich zu all dem stehe....

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, wenn ich immer wieder einer solchen Rede lauschen muss, die

a. von den immer gehörten phantasie- und humorlosen Thesen nur so wimmelt, die
b. bei mir auf inneren erheblichen Widerstand stoßen und Schmerzen verursachen (nicht übertrieben), weil ich nicht so etwas wie "völliger Blödsinn!!" brüllen darf, um meiner oppositionellen Haltung zu all dem Raum zu verschaffen, und schließlich
c. wie ich dabei mit meiner Pflicht zur Loyalität kämpfen muss....

Vernichtend ist die Bedingungslosigkeit, mit der dieser Mann seine humorfreien und phantasielosen Reden vorbringt. Er versucht gar nicht, seine ZuhörerInnen zu überzeugen, er drängt ihnen gnadenlos seine Weltsicht auf. Gerade bei den Themen Religion und Politik, bei Wertediskussionen kann er nicht davon ausgehen, das alle seiner Meinung folgen. Der Prediger auf der Kanzel spricht. Er hat eine Mission. Allem haftet ein Allgemeingültigkeitsanspruch an...

Das zeigt sich auch bei dem Statement, dass in der Gesellschaft feststehende (freilich katholische) Werte bestehen, über die man nicht mehr zu diskutieren habe (fehlt nur noch "basta"). Konservative glauben an so etwas wie ein zeitgeistresistentes, gottgewolltes "Naturrecht", wie auch immer dies gestaltet sein soll. Auf dieses - übergesetzliche(?) "Naturrecht" berief sich auch Helmut Kohl, als er sich weigerte, die Namen der Spender zu nennen...

Der Mann hat auch nichts davon gehört, dass nichts mehr dem Wandel ausgesetzt ist, als Wertevorstellungen. Mit Werten und Tugenden setzen sich seit jeher Philosophen und Schriftsteller auseinander. Das ist beständig - der Wandel, nicht feststehende Werte.

Übel ist auch die Miesepetrigkeit und der Pessimismus, die ewige Skepsis gegenüber allen neuen gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Entscheidungen, die er in all seinen Reden verbreitet.

Dabei spricht er auf den Veranstaltungen doch zu seinen Wirtschaftskolleginnen und -kollegen zu wirtschaftlichen und regionalen Fragen. Eigentlich. Aber dann wird es schnell so kategorisch, so vernichtend, so polarisierend. Er vermittelt den Eindruck, der "Wirtschaft" könnte es nur besser gehen, wenn sich die Gesellschaft grundlegend ändere, und zwar so, wie er dies beschrieben hat.

Damit der böse Staat nicht noch mehr in die Taschen der Bürger greifen kann...

Kommen wir zum Ende, bevor ich in die Tastatur beiße:

Zusammenfassend ist das ideale Gesellschaftsbild dieses "tief besorgten" konservativen Herrn patriarchalisch, streng katholisch, patriotisch und autoritär.
Frauen gehen in ihrer verklärten Rolle als Hausfrau und Mutter ganz auf. Die müssen nicht in den Beruf, ihre Berufung von Gottes und Naturgnaden reiche ihnen völlig... Das patriarchialische Rollenbild, autoritär, prägt die kinderreiche Familie. Das Rechtssystem stützt sich auf ein archaisches "Naturrecht".

Technik- und Fortschrittsglaube dominieren. Die Macht - für ihn die gefühlte Mehrheit schon jetzt - liegt bei den wohlhabenden Bürgerlichen. Querschläger, Störer und  sonstige Gegner werden entsprechend als Vaterlandsverräter und Gotteslästerer unsanft behandelt.

Freiheit - das Wort der Liberalen betrifft weniger Bürgerrechte und Demokratie, denn Linke und Sozialdemokraten, natürlich auch Grüne gehören einer schwindenden Minderheit an, die sich dem neoliberalen Manchester-kapitalismus anpassen oder mit Schwierigkeiten rechnen müssen - sondern betrifft einzig und allein die unbeschränkte Freiheit der Unternehmer.

Lästige sozialpolitische Regelungen, zum Beispiel aus dem KündigungsschutzG, dem MuSchG, dem AGG, dem ArbZG und anderer sozialromantischer Schnickschnack gehören der Vergangenheit an. Gewerkschaften sind entmachtet, Tarifverträge obsolet, Löhne und Gehälter diktiert nur der Markt, sprich der Unternehmer... Wer nicht spurt, fliegt.

Achja, die Kleinstaaterei schlägt um sich, denn die Bundesländer werden in Regionen zerschlagen, in der jeder Bezirksfürst schalten und walten kann, wie er mag.

Ok, der letzte Satz ist nicht verbürgt - aber das andere ist verbürgt!

Wenn pessimistische Konservative wie er schon mal "tief besorgt" sind und man sie widerspruchslos reden lässt, dann kommt so ein abgefahrenes Weltbild heraus, das Bild einer Gesellschaft, wie sie vielleicht zu Zeiten der Industriealisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand.

Ideologisch sind dabei immer die anderen, die Linken natürlich.

Ich will keinem das Denken oder die Meinungsäußerung verbieten, aber ich muss mir jedesmal etwas widerspruchslos (da zur Loyalität verdonnert) anhören, was mir komplett widerstrebt. Wer sich mit derartig haarsträubenden Überlegungen in die Öffentlichkeit begibt, muss auch mit Gegenwind rechnen - leider kommt der nicht. Höflichkeit und beruflich notwendige Loyalität gehen vor.

Meine "Therapie": Mittlerweile verlasse ich zwischenzeitlich den Saal auf dem Weg zum WC, und komme nicht mehr zurück - um nicht zuhören zu müssen.

Mein Loyalitätsverhalten: Ich brülle nicht "Was für ein Blödsinn!". Ich schalte die Ohren auf Durchzug und ärgere mich fürchterlich. Mehr kann ich nicht bieten, sorry.

Und dann schreibe ich Beiträge wie diese, um das mal loszuwerden.

LG

M.Kupfer

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13. April 2008 7 13 /04 /April /2008 23:28
Das könnte jetzt ein wenig arrogant rüber kommen, gebe ich ja zu, aber ich muss es einfach mal loswerden.

Ich bin ja als Anwalt tätig, wie man aus meinem Profil entnehmen kann.

Es gibt fast nichts Schlimmeres als beratungsresistente Mandantschaft. Das sind solche Leute, die Probleme/Schwierigkeiten mit anderen Leuten zu Rechtsproblemen hochschaukeln und meinen, gegen eben diese anderen Leute zwingend mit anwaltlicher Hilfe vorgehen zu müssen, auch wenn es noch so unvernünftig ist.

Das sind meist Fälle aus dem Nachbarschaftsrecht, aus dem Mietrecht, aus dem Familienrecht - oder sie  ergeben sich eben aus einem sonstigen üblicherweise "menschelnden" Umfeld. Der Anwalt, der sich mit diesen Leuten auseinander setzen muss, nimmt in einem solchen pathologischen Konflikt die Rolle des "großen Bruders"/"dicken Cousins" ein, der all die anderen bösen Jungs verkloppen soll, mit denen der Mandant so "Ärger hat". Der Mandant freut sich dann, es den anderen "mal so richtig gezeigt" zu haben. Der Streit wird geführt, um ihn zu führen, weil es um das Prinzip geht und weil man sich nichts gefallen lässt. Vernunft oder Einsicht? Fehlanzeige!

Man nennt  solche Mandantschaft auch Querulant oder Prozesshansel. Manche sind einfach zu dumm, um zu kapieren, dass sie sich ständig in was verrennen. Das ist unangenehm für die erwählten "Opfer" der Querulanten und Prozesshansel, aber vielleicht sogar menschlich, wer weiß?

Übrigens: Hoffnungslose Fälle sind die Prozesshansel, die durch eine Vielzahl überflüssiger Rechtsstreitigkeiten auffallen. Die Quantität ist aber kein zwingendes Moment. Es reichen schon einzelne Vorfälle, aus denen man schließen kann, dass es dabei nicht bleiben werde. Klassisch auch: Das Vorgehen gegen vermeintliche Beleidigungssituationen, das Erzwingen von Entschuldigungen, da man sonst gegen den vermeintlichen Beleidiger strafrechtlich/zivilrechtlich vorgehe. Irgendwelche Zeugen werden genannt, vielleicht hat man auch - völlig aus dem Zusammenhang gerissen - mit dem Mobildings, ausgestattet mit Kamera und Recorder, etwasmitgeschnitten, was nun triumphierend als Beweismittel vorgelegt wird... Mir rollen sich die Fußnägel hoch ob solcher Spießigkeit! Und die Polizei wird das ganze wegen Belanglosigkeit einstellen, soviel ist sicher.

Das Allerschlimmste aber sind Anwälte, die sich für so etwas tatsächlich einspannen lassen, wohl wissend, dass kein Anwalt der Welt diesen Grundkonflikt würde lösen können. Diese Anwälte verdienen nicht nur mit der Dummheit des Prozesshansels Geld, sie reißen auch die Opfer des Prozesshansels in einen aberwitzigen, völlig überflüssigen und erkennbar schikanösen, unter Umständen kostspieligen Prozess hinein.

DAS ist das eigentliche Hauptproblem.

Das andere, sich langfristig ergebende Problem ist, dass derartige "werte" Anwaltskollegen mehr und mehr dazu beitragen, dass unser Alltag, unsere oft nicht astreine Kommunikation verrechtlicht und damit alles komplizierter wird. Dann geht's los mit "Da hat er/sie ...... gesagt, woraufhin ich.... gesagt habem, und dann hat er/sie wieder...". Manche Leute hätten nie groß werden dürfen, der Sandkasten im Kindergarten wäre der passende Aufenthaltsort auf Lebenszeit.

Diese Anwaltskollegen, die so gerne von Prozesshanseln aufgesucht werden, könnten doch, um halbwegs berufsstandsgemäß aus der Sache heraus zu kommen, eine Prüfung der Sach- und Rechtslage vornehmen und mitteilen, dass ein rechtliches Vorgehen aus bestimmten Gründen nicht ratsam, ja sogar aussichtslos ist und man deshalb dazu raten muss, nichts weiter zu unternehmen. Für ein solches Gutachten darf man als Anwalt übrigens auch Gebühren verlangen. Solange es das Geld des "dummen" und beratungsresistenten Prozesshansels  betrifft, der auf anwaltliche Unterstützung bei seinem pathologischen Konflikt bittet, ist das noch in Ordnung. Nimmt der Anwalt seine beruflichen Pflichten wahr - wovon ich jetzt mal ausgehe - wird er den Prozesshansel eingehend über die finanziellen Risiken aufklären. 

Meist haben Prozesshansel aber eine Rechtsschutzversicherung. dann hilft nur die Flucht nach vorne: Das Vorhaben wird wegen Aussichtslosigkeit nicht verfolgt, das Mandat wird nicht angenommen. Gebe zu, dass ich mir das leisten kann, finanziell gesehen. Langfristig tut sich aber kein Anwalt einen Gefallen damit, Prozesshansel zu vertreten, es sei denn, man ist masochistisch veranlagt.

Ich habe in letzter Zeit die "Opfer" von Prozesshanseln verteten, weiß also, wovon ich hier schreibe. Dem Kollegen möchte man doch zu gerne mal unter vier Augen und vertraulich die Frage stellen, was er sich bei dem Unsinn denkt. Aber dann kommt - weil solche Kollegen oft "keinen Spaß" verstehen - der Gruß "mit vorzüglicher kollegialer Hochachtung" statt "mit freundlichen kollegialen Grüßen" - was so viel heißt wie "Sie können mich mal am A...."

Ihr Prozesshansel-Vertreter: Man muss solche Fritzen nicht vertreten, man kann auch dankend ablehnen. Und im Vier-Augen-Gespräch unter Kollegen ruhig mal zugeben, dass man das weiß und nun versucht, aus der üblen Nummer heraus zu kommen....

Mit Ulrich Wickert gesprochen: Dumme Prozesshansel muss man auch dumme Prozesshansel nennen können.

Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht....

M.Kupfer
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