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Wenn Konservative "tief besorgt" sind....

Beruflich gerate ich gelegentlich in die missliche Lage, auf Veranstaltungen der Rede eines sich selbst als konservativ bezeichnenden Oberindianer zuhören zu müssen. Das ist zwar nur 2-3 mal im Jahr, aber das genügt mir völlig. Wäre ich nicht zur Loyalität verdonnert, wäre ich ein übler Zwischenrufer und würde aus dem Saal verbannt.

Die Rede könnte jeder CDU/CSU-Hinterbänkler (aka Wadenbeißer) von sich geben, wenn er nur dürfte. Die Fraktion weiß, warum solche Hinterbänkler nicht reden sollten. Weil es peinlich ist.

Hier aber bremst den konservativen "tief besorgten" Oberindianer niemand, also muss ich gnadenlos leiden...

Oder bin ich gar nicht alleine, wenn sich bei diesen Reden regelmäßig die Fußnägel hochrollen? Trotzdem - es scharrt niemand mit den Füßen, niemand grollt oder stöhnt auf, bin ich am Ende der Einzige in der Zuhörerschaft, dem diese Worte richtig Schmerzen bereiten??

Er erzählt immer dasselbe. Seit Jahren! Ist das konservativ? Oder einfach nur phantasielos? Oder beides?

Ich komme nur in einem Punkt mit ihm auf einen Nenner: In der Einsicht, die Dinge sorgfältig  und überlegt anzugehen und keine Schnellschüsse zu starten. Das war es aber schon. Und eine Binsenweisheit.

Ansonsten sehe ich mich in den Anschauungen und Vorstellungen, in der politischen Ausrichtung und Überzeugung in einer anderen Ecke als er, diametral entgegen gesetzt sozusagen. In so ziemlich allen Punkten muss ich ihm widersprechen. Nicht aus dem Prinzip "Opposition", sondern ganz echt und ehrlich. Aus tiefster inhaltlicher Überzeugung.

Meine Loyalitätsverpflichtung hindert mich aber am offenen Widerspruch.

Nicht falsch verstehen: Ich kann konservative Zeitgenossen durchaus mit ihrer Sicht der Dinge stehen lassen und akzeptieren, ich kenne, da ich sehr viel mit Arbeitgebern, Mittelständlern und CDU-lern zu tun habe, eine Menge konservativer Menschen.

Ich komme klar, ohne meine Meinung an diese Leute anpassen zu müssen. Ich schätze wertkonservative Menschen. Als Grüner sehe ich an dem einen oder anderen Punkt sogar Überschneidungen und Möglichkeiten zum Konsens (sicher nicht bei der Atomenergie, aber das ist ja auch kein wertekonservativer Punkt sondern Lobbypolitik... ups, ich schweife ab...). Das  sind aber eher Leute wie unser Alt-Bundespräsident Weizsäcker, der UN-Mensch Töpfer oder sogar Herr Geißler.

Keineswegs aber die Herren Kohl, Oettinger, Koch oder die Dame Haderthauer.

Und was sowas von gar nicht geht, ist dieser wirtschaftskonservative Oberindianer, der sich offenbar als "tief besorgter" letzter Konservativer seiner Art zu diesen niederschmetternden Reden "zur Lage der Nation" berufen sieht....

Er ist "tief besorgt". Immer! Keine Zuversicht, kein unternehmerischer Optimismus, kein Elan, das Beste aus den Widrigkeiten der Gegenwart zu machen.

Er ist Unternehmer. Als solcher kann man sich ein ewiges Hadern eigentlich nicht auf die Fahne schreiben. Da sind Macherqualitäten gefragt. Optimismus. Und keine ewige Klage.

Aber: Er ist aus Prinzip "tief besorgt" und wird nicht müde, dies jedesmal mehreren zig Zuhöreren mitzuteilen. Tiefe Sorge als Lebensphilosophie, ungeachtet der aktuellen Situation.

Sommers wie winters! Als Rot-Grün regierte, seitdem die Große Koaltion regiert - und es wird auch so sein, wenn 2009 eine Regierung mit Merkel/Westerwelle in den Atomfarben schwarz-gelb antritt.

Er wird mit keiner Regierung zufrieden sein, mit keiner. Die Regierung kann es gar nicht gut genug machen. Die Regierung, die er will, kann es gar nicht geben.

Immer ist er "in tiefer Sorge"... und er schaut dabei auch immer sehr besorgt, mit Falten auf der Stirn, so, als befürchtet er, man wolle man ihm alles wegnehmen, sein Hab und Gut, sein Weltbild, alles....
Konservativ sein heißt bewahren. Bewahrt er sein kompakt-lineares Weltbild bar jeder Vernunft??

Wenn das schon kommt, das mit der "tiefen Sorge". Er trägt dabei mit sorgenzurfurchter Miene vor, betont vernünftig akzentuiert.

Die Steuerpolitik bereitet ihm "tiefe Sorgen". Die Linken, die CDU, die Wirtschaftspolitik, die Familienpolitik, die Umweltpolitik...

Desgleichen natürlich die Emanzipation, diese sei ein schwerwiegender Fehler, weil die Familien zerstört worden seien.

Die "68er" werden dann in einem Extra-Kapitel der Rede auch in aller Regel gebashed, was das Zeug hält, wo sie doch "soviel Ungemach" über "uns" gebracht haben... sie haben die Autoritäten kaputt gemacht, Bindungen zerstört, die Familien, alles haben sie kaputt gemacht, alles, alles, alles...! Kein Stein mehr auf dem anderen, alles Schöne einfach aus ideologischen Gründen kaputt gemacht....

Nicht ein bisschen kann man den Eindruck gewinnen, der Mann habe sich irgend wann einmal ernsthaft mit "68" auseinander gesetzt. Alles wirft er in einen Topf.

1968 war dieser Mensch Jugendlicher. Hat ihn unsere kleine Kulturrevolution vor 40 Jahren so dermaßen traumatisiert? Oder sind es die berühmten sauren Trauben? Durfte er keine Rockmusik hören oder lange Haare tragen?

Oder war er als Jugendlicher damals schon unerträglich vernünftig? Ach, ich vergaß - nur maximal 20-30% der jungen Leute damals waren "68er" im engeren Sinne. Alle anderen waren brave Bürger. Warum aber sieht er das nicht einfach differenzierter? Niedersachsens Ministerpräsident Wulff, ebenfalls CDU kann das zum Beispiel. Und diverse andere unaufgeregte Leute, auch aus der CDU.

Warum gibt es nicht mehr Wulffs in der CDU??

40 Jahre danach den damaligen Aktivisten die Schuld für "mit tiefer Sorge" festgestellter Missstände der Gegenwart zu geben - ungeachtet vieler anderer Phasen, z.B. der Yuppie-Zeit der 80er, der Spaß-Phase der 90er - hört sich nach vernichtendem und vor allem undurchdachtem Rachefeldzug an.
68er-Bashing a la Eva Hermann.

Es lebe das Feindbild, das selbstverständlich links auszumachen ist. Eine üble Verschwörung linker Revolutionäre, uuhhh, daher kommt das alles. Sie sitzen in den Medien, den Schulen und Universitäten und betreiben rote Gehirnwäsche.

Eine gefährliche Junta, der man sich als "tief besorgter" Konservativer entgegenstellen muss...

Nur zwei Lebensbereiche, so stellt der sonst "tief besorgte" Konservative nun fast erleichtert fest, seien von "68" verschont geblieben - die Familienunternehmen und die (katholische) Kirche....

Wie bitte, geht's noch? Schon mal was von Dialektik und Wertewandel gehört? Nennt er seine Auszubildenden noch "Stifte"?

Mit "tiefer Sorge" beurteilt er übrigens auch die Pläne, dass der Konferenzsaal, in dem wir uns befinden, demnächst saniert wird (hoffentlich nicht so ein Schicki-Micki-Kram...). Jaja, überall lauert der Feind, sogar hier. Das Böse ist immer und überall...

Der Armutsbericht der Bundesregierung - oh Wunder - bereitet ihm keine Sorge, nicht mal ein bisschen. Arm sind die Leute nicht hier, sondern in Afrika, oder Indien, aber nicht in Deutschland, nein, das gibt es hier nicht. Hat sich wieder einer von den linken Gutmenschen ausgedacht. DAS bereitet ihm wieder "tiefe Sorge".

Wer arm ist in Deutschland, ist in Wirklichkeit nicht arm, außerdem seien die Leute auch selbst schuld, weil sie keine Verantwortung übernehmen. Anlass, hier etwas selbst beizutragen, etwa eine soziale Einrichtung finanziell zu unterstützen, sieht er nicht, da Umverteilung nie etwas bringe.

Er stützt seine Überlegungen auf den katholischen Wertekanon, nach dem Selbstverantwortung gefördert werde.

Christliche Nächstenliebe mal anders? Wie war das mit dem Reichen, dem Kamel und dem Nadelöhr? Hat er die Bergpredigt verstanden?


Dann kommt ein Spruch aus dem CDU-Wahlkampf von 2005: "Sozial ist, was Arbeit schafft..." und "Arbeit hat Vorfahrt".

Da schau her. Wie er zur Befreiungstheologie oder "Kirche von unten" steht, kann man sich ja zusammen reimen...

Desgleichen hat er erhebliche Zweifel am bestehenden Klimawandel. Konsequenterweise lehnt er etwaige Maßnahmen gegen den Klimawandel (die ja nur mit Einschränkungen für die Unternehmen verbunden sein können) kategorisch ab, wozu auch, es gibt ja keinen Klimawandel. Das ist alles nur Zeitgeist, man werde sehen, da ist nichts dran. Das diene dem Staat nur dazu, "die Wirtschaft" zu gängeln.

Woher weiß er das?

Begrüßen tut er aber die ungetrübte Begeisterung bei den Weltjugendtagen für Papst Benedikt XVI. Man müsse dem radikalen Islamismus - aus dem viele Menschen in den muslimischen Ländern ihre Kraft ziehen - einen radikalen, ja fundamentalen christlichen Glauben entgegen setzen, natürlich katholisch.

Hmm, tatsächlich? Wie wäre es mit gesunder Säkularität? Ich will niemandem den Glauben nehmen, aber religiöser Glaube ist Privatsache und ein derart empfindliches Thema, dass es in einer Rede zur lokalen Wirtschaft m.E. keinen Platz einnehmen darf.

Er begrüßt außerdem einen  angeblich
neu erwachenden Patriotismus, den er in der Begeisterung der Massen etwa bei der WM oder EM zum Ausdruck kommen sehen will. Das mache doch Hoffnung.

Vielleicht wollten die Massen einfach nur eine schwarz-rot-goldene Party?

Verbreitet der "tief besorgte" Konservative dann doch ausnahmsweise Zuversicht? Interessant ist die Begründung: Bedingungslose Begeisterung für Papst und Vaterland als Hoffnungsschimmer...

Es kommen andere Zeiten, sagt er mit sorgenvoller Miene, er sei optimistisch, dass bald wieder Kernkraftwerke in Deutschland gebaut werden. Dass ein mittlerweile von der politischen Bühne verschwundener, aber noch bekannter CDU-Finanzexperte Merz wieder komme (der mit der Bierdeckel-Steuererklärung).

Die Zeit der Hirschs und Leutheusssers in der FDP sei endlich vorbei...

Im Polarisieren ist er auch groß, der "tief besorgte" Wirtschaftskonservative...

Langsam komme ich in die Phase beim Verfassen dieses Beitrags, in der mir zu jedem Satz nicht nur ein kurzer Einwand, sondern gar eine ausführlich begründete Gegenthese einfällt. Das würde aber ausufern. Siehe einfach zB in das Grüne Grundsatzprogramm, dann wisst ihr, wie ich zu all dem stehe....

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, wenn ich immer wieder einer solchen Rede lauschen muss, die

a. von den immer gehörten phantasie- und humorlosen Thesen nur so wimmelt, die
b. bei mir auf inneren erheblichen Widerstand stoßen und Schmerzen verursachen (nicht übertrieben), weil ich nicht so etwas wie "völliger Blödsinn!!" brüllen darf, um meiner oppositionellen Haltung zu all dem Raum zu verschaffen, und schließlich
c. wie ich dabei mit meiner Pflicht zur Loyalität kämpfen muss....

Vernichtend ist die Bedingungslosigkeit, mit der dieser Mann seine humorfreien und phantasielosen Reden vorbringt. Er versucht gar nicht, seine ZuhörerInnen zu überzeugen, er drängt ihnen gnadenlos seine Weltsicht auf. Gerade bei den Themen Religion und Politik, bei Wertediskussionen kann er nicht davon ausgehen, das alle seiner Meinung folgen. Der Prediger auf der Kanzel spricht. Er hat eine Mission. Allem haftet ein Allgemeingültigkeitsanspruch an...

Das zeigt sich auch bei dem Statement, dass in der Gesellschaft feststehende (freilich katholische) Werte bestehen, über die man nicht mehr zu diskutieren habe (fehlt nur noch "basta"). Konservative glauben an so etwas wie ein zeitgeistresistentes, gottgewolltes "Naturrecht", wie auch immer dies gestaltet sein soll. Auf dieses - übergesetzliche(?) "Naturrecht" berief sich auch Helmut Kohl, als er sich weigerte, die Namen der Spender zu nennen...

Der Mann hat auch nichts davon gehört, dass nichts mehr dem Wandel ausgesetzt ist, als Wertevorstellungen. Mit Werten und Tugenden setzen sich seit jeher Philosophen und Schriftsteller auseinander. Das ist beständig - der Wandel, nicht feststehende Werte.

Übel ist auch die Miesepetrigkeit und der Pessimismus, die ewige Skepsis gegenüber allen neuen gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Entscheidungen, die er in all seinen Reden verbreitet.

Dabei spricht er auf den Veranstaltungen doch zu seinen Wirtschaftskolleginnen und -kollegen zu wirtschaftlichen und regionalen Fragen. Eigentlich. Aber dann wird es schnell so kategorisch, so vernichtend, so polarisierend. Er vermittelt den Eindruck, der "Wirtschaft" könnte es nur besser gehen, wenn sich die Gesellschaft grundlegend ändere, und zwar so, wie er dies beschrieben hat.

Damit der böse Staat nicht noch mehr in die Taschen der Bürger greifen kann...

Kommen wir zum Ende, bevor ich in die Tastatur beiße:

Zusammenfassend ist das ideale Gesellschaftsbild dieses "tief besorgten" konservativen Herrn patriarchalisch, streng katholisch, patriotisch und autoritär.
Frauen gehen in ihrer verklärten Rolle als Hausfrau und Mutter ganz auf. Die müssen nicht in den Beruf, ihre Berufung von Gottes und Naturgnaden reiche ihnen völlig... Das patriarchialische Rollenbild, autoritär, prägt die kinderreiche Familie. Das Rechtssystem stützt sich auf ein archaisches "Naturrecht".

Technik- und Fortschrittsglaube dominieren. Die Macht - für ihn die gefühlte Mehrheit schon jetzt - liegt bei den wohlhabenden Bürgerlichen. Querschläger, Störer und  sonstige Gegner werden entsprechend als Vaterlandsverräter und Gotteslästerer unsanft behandelt.

Freiheit - das Wort der Liberalen betrifft weniger Bürgerrechte und Demokratie, denn Linke und Sozialdemokraten, natürlich auch Grüne gehören einer schwindenden Minderheit an, die sich dem neoliberalen Manchester-kapitalismus anpassen oder mit Schwierigkeiten rechnen müssen - sondern betrifft einzig und allein die unbeschränkte Freiheit der Unternehmer.

Lästige sozialpolitische Regelungen, zum Beispiel aus dem KündigungsschutzG, dem MuSchG, dem AGG, dem ArbZG und anderer sozialromantischer Schnickschnack gehören der Vergangenheit an. Gewerkschaften sind entmachtet, Tarifverträge obsolet, Löhne und Gehälter diktiert nur der Markt, sprich der Unternehmer... Wer nicht spurt, fliegt.

Achja, die Kleinstaaterei schlägt um sich, denn die Bundesländer werden in Regionen zerschlagen, in der jeder Bezirksfürst schalten und walten kann, wie er mag.

Ok, der letzte Satz ist nicht verbürgt - aber das andere ist verbürgt!

Wenn pessimistische Konservative wie er schon mal "tief besorgt" sind und man sie widerspruchslos reden lässt, dann kommt so ein abgefahrenes Weltbild heraus, das Bild einer Gesellschaft, wie sie vielleicht zu Zeiten der Industriealisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand.

Ideologisch sind dabei immer die anderen, die Linken natürlich.

Ich will keinem das Denken oder die Meinungsäußerung verbieten, aber ich muss mir jedesmal etwas widerspruchslos (da zur Loyalität verdonnert) anhören, was mir komplett widerstrebt. Wer sich mit derartig haarsträubenden Überlegungen in die Öffentlichkeit begibt, muss auch mit Gegenwind rechnen - leider kommt der nicht. Höflichkeit und beruflich notwendige Loyalität gehen vor.

Meine "Therapie": Mittlerweile verlasse ich zwischenzeitlich den Saal auf dem Weg zum WC, und komme nicht mehr zurück - um nicht zuhören zu müssen.

Mein Loyalitätsverhalten: Ich brülle nicht "Was für ein Blödsinn!". Ich schalte die Ohren auf Durchzug und ärgere mich fürchterlich. Mehr kann ich nicht bieten, sorry.

Und dann schreibe ich Beiträge wie diese, um das mal loszuwerden.

LG

M.Kupfer

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